„Wir müssen die Fahne der Kunst hochhalten“

Der Lauenburgische Kunstverein (LKV) begeht in diesem Jahr seinen 35. Geburtstag. Kulturportal-Herzogtum.de nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, um mit Regine Bonke und dem Vorsitzenden William Boehart allgemein über Kunst zu plaudern und über die Arbeit des LKV zu sprechen. Bonke ist Bildende Künstlerin und hat sich dem Konstruktivismus verschrieben. Boehart ist Historiker und Autor.

Kulturportal-Herzogtum.de: Frau Bonke, Herr Boehart – wie sehr hat sich die Kunst in den vergangenen 35 Jahren verändert?

Regine Bonke: Schwer zu sagen. Der Lauenburgische Kunstverein hat seine geistige Heimat in den traditionellen Künsten und ist da eher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Wobei neuere Techniken durchaus in die künstlerische Arbeit eindringen.

KP: Herr Boehart?

William Boehart: Ich habe für das Künstlerhaus Lauenburg einige Male in der Jury gesessen. Da stellt man fest, dass unter den Bewerbungen viele Aktionen und Performances sind. Das Angebot im Kreis ist umfangreicher und vielfältiger geworden. Im Jubiläumsjahr zeigen wir zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Filmklub ‚Ultrakurzfilme‘ im Kinovorspann.

KP: Unter den Stipendiaten des Künstlerhauses gibt es immer wieder junge Künstler, die sich die Digitalisierung zu Nutze machen. Wie sehen Sie das, Frau Bonke?

Bonke: Ich bin da woanders verortet. Mit meiner Biografie wäre es seltsam, wenn ich auf diesen Zug aufspringen würde. Vor zehn Jahren habe ich mal mit Hilfe der Fachhochschule Lübeck ein interaktives, virtuelles Quadrat „gebaut“, das eine intensive Beschäftigung mit optischen Phänomenen nach sich gezogen hat. Ansonsten ist meine Kunst ja eher auf die Wahrnehmung von ganz konkreten Objekten im Raum mit einer bestimmten Materialästhetik ausgerichtet.

KP: Herr Boehart, wie sehen Sie das von außen, als jemand der selbst kein Bildender Künstler ist? Wie beurteilen Sie die Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Kunst?

Boehart: Ich sehe keinen Grund, diese Dinge auszuschließen und Kunst zu definieren. Die Leute sollen sich damit auseinandersetzen. Der Mensch hat diese Maschinen gemacht. Sie können wie Pinsel Werkzeuge sein, um künstlerische Fantasie zu realisieren.

Bonke: Als Kunstverein haben wir die Aufgabe, dem Bürger die Kunst nahezubringen und ein Kunstverständnis zu entwickeln. Wir wollen zeigen, was es gibt. Allerdings ist die Künstliche Intelligenz, die ja etwas anderes ist als bloße Digitalisierung, in unserem Bereich ziemlich weit weg. Im Gegenteil – in der Bildenden Kunst werden ja häufig alte, manuelle Handwerkstechniken angewandt, die sonst längst in Vergessenheit geraten wären, wie zum Beispiel das Ätzen von Metallplatten, das Papierschöpfen oder das Formen von Ton.

KP: Erfüllen Sie Ihre Maxime? Wie nehmen die Bürger Ihr Angebot an?

Bonke: Es gibt diejenigen, die sehr interessiert sind und mehr wollen und diejenigen, die fotografieren und wieder gehen. Das ist etwas, was uns betrübt. In der Artothek ist das Entleihen leider auch zurückgegangen, weil sich mittlerweile jeder bei irgendeinem Drogeriemarkt ein Foto für seine Wand ausdrucken lassen kann…

Boehart: …In den 60er Jahren wurde ‚Kultur für alle‘ propagiert. Der LKV ist auch ein Ergebnis dieser Bewegung.

Bonke: Wenn man schreibt ‚Kunst für alle‘ muss man auch Qualitätskriterien deutlich machen. Wenn nicht, entsteht ein belangloses Dauertrommelfeuer optischer Erscheinungen. Heute hat sogar der Baumarkt von nebenan eine Ausstellung. Aber was ist das dann noch?

Boehart: Ich kann einem Baumarkt aber nicht sagen, ihr dürft keine Kunst mehr zeigen.

Bonke: Da wird Kunst instrumentalisiert und der Eventisierung Tür und Tor geöffnet.

Boehart: Natürlich müssen wir die Fahne für die Kunst hochhalten. Das versuchen wir auch. Wir arbeiten daran und bieten Kunst von hoher Qualität an. Das ist unsere Nische.

KP: Wie hält man die Fahne der Kunst hoch?

Boehart: Indem wir für unsere Ausstellungen immer Qualitätsmerkmale ansetzen.

Bonke: Der Lauenburgische Kunstverein ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine*, die gibt gewisse Qualitätsmerkmale vor. Da liegt also eine deutliche Messlatte für die Vereine.

Boehart: Wir sollten das aber nicht zu ernst nehmen. Kunst soll auch Spaß machen.

Bonke: Aber wenn die Leute auf meinen Objekten herumbalancieren, hört der Spaß auf!

KP: Wer entscheidet bei Ihnen, welche Künstler diese Merkmale erfüllen und wer letztendlich gezeigt wird?

Bonke: Ausstellungen sind bei uns, sobald sie öffentlich ausgeschrieben werden, juriert. Davon ausgenommen sind lediglich einige Mitgliederausstellungen.

KP: Und wo kommen die Kunstwerke her, die sie zeigen? Setzen Sie sich da Grenzen?

Boehart: Nein.Aber jemanden zum Beispiel aus Ungarn zu holen, ist mit finanziellen Mitteln verbunden, die wir nicht haben.

Bonke: Bei unserer Reihe ‚Keramik-Malerei‘ hatten wir berühmte Keramiker aus ganz Deutschland bei uns. Bei ‚Kunst im Rathaus‘ in Ratzeburg, die ich 25 Jahre lang betreut habe, waren es überwiegend Künstler aus Schleswig-Holstein und Hamburg, deren qualitätvolles Werk ich persönlich kannte und dem Vorstand vorgeschlagen habe.

Bonke: Zusammenfassend kann man sagen, dass wir auch nach 35 Jahren nicht müde werden zu betonen, dass Kunst in unserem Leben eine Sinnrecource sein kann. Und dass wir trotz aller Widerstände immer wieder versuchen, diese zur Verfügung zu stellen.

Boehart: Wir verfahren nach dem Motto: ‚Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie‘.

KP: Frau Bonke, Herr Boehart – ich danke für das Gespräch.

*abgekürzt ADKV