„Kids merken, wenn es hier nicht authentisch ist“

Norbert Lütjens ist Stadtjugendpfleger und leitet in dieser Funktion unter anderem das Jugendzentrum Korona in Schwarzenbek. Der 48-Jährige ist Diplom-Sozialpädagoge und Sozialarbeiter. Zudem hat er eine Ausbildung zum Elektroinstallateur gemacht. Derzeit studiert er parallel zu seinem Vollzeitjob Verwaltungsmanagement. Der breite Wissens- und Erfahrungsschatz aus all diesen Tätigkeitsbereichen kommt ihm im Umgang mit Kindern und Jugendlichen zugute.

Unter Lütjens Leitung hat das Korona zuletzt neben der klassischen Alltagsarbeit mit den Kids auch einige größere Projekte und Aktionen etabliert. Das Team der Jugendarbeit wirkt zum Beispiel maßgeblich bei der Gestaltung des städtischen Messestandes im Rahmen der örtlichen Wirtschaftsmesse mit. Ein weiteres Beispiel ist die Organisation des Stadtvergnügens in Schwarzenbek, das alle zwei Jahre 20.000 Besucher anlockt sowie das Projekt „Beat and Dance“, das im Rahmen des KulturSommers am Kanal längst zu einer festen Größe geworden ist. Kulturportal-Herzogtum.de sprach mit Lütjens über seine Arbeit und die Jugend von heute.

Kulturportal-Herzogtum.de: Herr Lütjens, wie geht erfolgreiche Jugendarbeit?

Norbert Lütjens: Haarige Frage. Ich glaube, dass man sich dafür immer wieder neu erfinden muss. Wenn man dann noch eine Haltung hat, fährt man ganz gut damit.

KP: Wie kann ich mir dieses, sich neu zu erfinden, in der Praxis vorstellen?

Lütjens: Wir konfrontieren Kinder und Jugendliche mit Dingen, die sie nicht gewohnt sind. Zum Beispiel gehen wir mit Jungen und Mädchen, die bildungsfern sozialisiert sind, in die Oper oder ins Theater. Wir zeigen ihnen deutsche Hochkultur, machen das aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger.

KP: Und wie zeigt sich bei Ihnen die Haltung?

Lütjens: Frauen haben bei uns beispielsweise Vorfahrt. Außerdem schenken wir Kaffee und Tee aus, der umsonst ist, so lange man eine Untertasse unter die Tasse stellt.

KP: Klingt nach dem 1 mal 1 des Benehmens und wie ein Indiz dafür, dass sich die Rahmendbedingungen, unter denen Jugendliche heute groß werden, verändert haben.

Lütjens: Wenn ich fachlich draufschaue, würde ich sagen, dass die Freiräume kleiner geworden sind. Das hat vor allem mit der Leistungsgesellschaft zu tun, die immer weiter vordringt. Individualisierung ist zwar nach wie vor möglich, aber viele Jugendliche sind da materiell und von den Bildungsressourcen abgehängt. Deshalb geben wir hier beispielsweise massiv Geld für das Equipment aus.

KP: Das heißt, man muss für Jugendarbeit heutzutage gut bei Kasse sein.

Lütjens: Na ja, unsere Ressourcen sind begrenzt. Aber wir gehen schlau mit dem Geld um. Wir kaufen die Technik beispielsweise in Abhängigkeit vom Dollarpreis. Darum kümmern sich die Kids. Außerdem haben wir den Rückhalt von Politik und Gesellschaft. Wir sind finanziell und personell gut aufgestellt.

KP: Inwiefern ist das Equipment, von dem sie sprechen, wichtig für die Jugendarbeit?

Lütjens: Mit der guten Ausrüstung können wir die Jugendlichen da abholen, wo sie sind. Sie können bei uns zum Beispiel ein Instrument spielen oder wir befähigen sie, einen Pressetext zu schreiben oder am Computer komplexe Grafiken zu erstellen. Oder. Oder. Oder. Irgendwo ist hier immer ein Platz, an dem jemand andocken kann. Dabei fragen wir nicht vorab: Konsumierst du Drogen oder hast du Gewalterfahrungen? Hier wird auch nicht mit dem Ziel eines pädagogischen Gesprächs getanzt. Hier wird getanzt um des Tanzens Willen. Andersherum sind es Alibiveranstaltungen. Und wenn die Kids eines draufhaben, dann, dass sie merken, dass hier ist nicht authentisch.

KP: Der Austausch mit den Jugendlichen ist für Sie von Berufswegen aber schon unverzichtbar– oder?

Lütjens: Wenn das, was wir hier machen, authentisch ist, ergeben sich die Gespräche automatisch. Wir wollen Kompetenzen vermitteln. Dafür spielen wir auch mit dem Konsum. Wir nutzen Apple, Nike und Adidas, um aus dieser Position heraus das ein oder andere am System in Frage zu stellen.

KP: Was sind das für Jugendliche, die Ihr Haus besuchen?

Lütjens: Wir haben hier das volle Spektrum. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Zu uns kommen junge Menschen, die Erfahrungen mit Drogen gesammelt haben, Magersüchtige und unglücklich Verliebte. Es gibt diejenigen, die vom Elternhaus die Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, und diejenigen, die sich nicht trauen, danach zu fragen. Wir sind hier ein Spiegel der Gesellschaft.

KP: Wie viele Jugendliche sind es, die Ihre Einrichtung nutzen?

Lütjens: Wir haben rund 12.000 Besucher pro Jahr. Das Verhältnis liegt bei etwa 60 Prozent Jungs und 40 Prozent Mädchen. Mädchen können sich besser organisieren. Deshalb verschwinden sie zwischen dem 16. und 19. Lebensjahr. Wenn sie dann wiederkommen, wollen sie unsere Strukturen nutzen.

KP: Und die Jungs?

Lütjens: Bei denen wechselt das Interesse. Bis 18 kommen sie zwecks Freizeitgestaltung her. Ab 18 wollen sie dann lernen. Die Kids kommen aus allen Bildungsschichten. Darauf sind wir sehr stolz.

KP: Wie gelingt Ihnen das?

Lütjens: Durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir versuchen Multiplikatoren zu aktivieren. Und wir gehen mit unserem Equipment mit dem Wandel. Wir sind mit der Tontechnik von analog auf digital umgestiegen. Bei uns können die Jugendlichen mit dem iPad auf die Bühne gehen. Unsere PS3 und PS4-Spiele sind immer auf dem neuesten Stand. Den freien Internetzugang gibt es schon seit Jahren.

KP: Das hört sich alles wie eine einzige Erfolgsstory an. Sie haben vorhin erzählt, wie unterschiedlich die Jugendlichen sind, die hierherkommen. Da gibt es doch bestimmt auch Spannungen?

Lütjens: Ich habe in den neun Jahren, die ich hier arbeite, lediglich zwei Leuten ein Hausverbot erteilt. Das waren aber keine Regelbesucher. Hoch her geht es bei Nachtfußballturnieren. Da wird uns beruflich alles abgefordert. Grundsätzlich gilt: Alles, was strafrechtlich relevant ist, geht nicht.

KP: Die Kids sind also Ok. Oder wie interpretieren Sie Ihre Erfahrungen?

Lütjens: Die Kids sind, wie wir es auch waren. Unpünktlich und unzuverlässig zum Beispiel. Am Ende sind sie aber besser als ihr Ruf. Wenn ich sehe, wie engagiert sie sind, habe ich keine Angst vor der Zukunft.

KP: Jetzt haben wir die ganze Zeit von den Jugendlichen gesprochen. Was treibt Sie eigentlich an, diesen Job zu machen?

Lütjens: Ich habe mich an einem bestimmten Punkt in meinem Leben gefragt: Wie ist es möglich, Biografien im positiven Sinne ändern zu können. Dieser Frage bin ich ab einem gewissen Punkt nachgegangen. Alles andere hat sich da subsumiert. Ich bin darüber hinaus auch als Musiker und Tontechniker professionell tätig gewesen und in diesem Kontext gut im Norddeutschen Raum vernetzt. All diese Dinge kann ich hier für meine Arbeit anwenden und gut gebrauchen.

KP: Herr Lütjens, ich danke für das Gespräch.

Mehr Infos rund um das Korona unter:

http://kulturportal-herzogtum.de/2018/12/03/zocken-rappen-tanzen/

http://kulturportal-herzogtum.de/2018/12/03/hinflaezen-und-zuhoeren/

 

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