Schöpfer makelloser Linien

Halbe Sachen sind offensichtlich nicht so sein Ding. Zumindest legt das Meinhard Füllners jüngste Reise nahe. Kurz nach dem Jahreswechsel war der 77-Jährige mit seiner Frau im niederländischen Leeuwarden unterwegs. Die friesische Stadt hatte sich 2018 als Kulturhauptstadt Europas präsentiert. Füllner wollte sich vor Ort die Kunst ansehen. Brunnen zum Beispiel. Nicht einen oder zwei, sondern zehn – in unterschiedlichen Städten. Leeuwarden hatte die gesamte Region in das Projekt Kulturhauptstadt miteingebunden. Das Ergebnis waren – unter anderem – die zehn Brunnen.

Füllner steuerte jedes einzelne Exemplar an. Er nahm sie in Augenschein, überzeugte sich vor Ort von der Qualität der Arbeiten, der Kunstfertigkeit der Schöpfer.

Der Kreispräsident holt sein Tablet hervor und zeigt die Bilder, die er von den Brunnen gemacht hat. Ihm sei es wichtig, sagt er, dass jemand mit Material und Werkzeug sach- und fachgerecht umgehen könne. Den Blick und die Expertise dafür hat er. Füllner ist gelernter Feinmechaniker und er ist Künstler.

Wie ernst es ihm mit seinem Anspruch ist, zeigt ein Blick auf den kleinen Beistelltisch, der neben seinem Schreibtisch steht. Dort thronen ein von ihm gefertigter Bulle und ein Stier. Skulpturen aus Stahl und Mahagoniholz mit klaren, makellosen Linien. Andernfalls hätten es die Kunstwerke wohl nicht auf den Beistelltisch geschafft. Die Ansprüche, die er formuliert, stellt er auch an sich selbst. Das gilt nicht nur für die Ausführung. „Mir fehlt manchmal das Besondere, das Kreative in der Kunst“, sagt er. Es gehe darum, etwas Neues machen.

Gleichwohl möchte er seine Kunstauffassung nicht als Dogma verstanden wissen. „Über Kunst kann man ja bekanntlich streiten“, sagt Füllner. Persönlich seien ihm halt „originäre und originelle Kreativität“ wichtig. An Einfällen mangelt es ihm nicht. Zu Hause habe er einen losen Blatthefter. Darin sammele er seine Ideen, sagt er. Das Problem sei nur, dass er zuletzt keine Zeit gefunden habe, einen seiner Einfälle in die Tat umzusetzen.

Füllner greift erneut zum Tablet. Diesmal zeigt er einige seiner eigenen Werke. Bullen und Stiere in verschiedenen Größen, Eulenspiegel-Mützen – alle haben sie klare, makellose Linien. So wollte der Künstler die Werke haben.

„Ich habe immer sehr konkrete Vorstellungen“, sagt Füllner. Deshalb fertige er vorab immer Skizzen an. Noch nie habe er ein Stück Holz oder anderes Material einfach genommen und angefangen zu formen.

Er muss es auf diese, seine Art machen – wenn er denn eines Tages mal wieder dazu kommt, den losen Blatthefter aus dem Schrank zu holen und eine Idee in ein Kunstwerk zu verwandeln.

Für den Moment ist da aber nur der Wunsch, endlich mal wieder zum Werkzeug greifen zu können. Füllner wischt über das Tablet. Ein Bild mit Strandkörben erscheint. Ja, Bilder fertigt er auch an, der Mann, der ja vor allem Politiker ist. Der Hintergrund ist gemalt, die Formation der Sitzgelegenheiten in das Panorama eingearbeitet. Jeder einzelne Strandkorb eine Kleinskulptur. Sie werden mit Sicherheit makellos sein. Alle.

„Kultur könnte ein wenig mehr Lobbyarbeit vertragen“

 

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