Wer spricht denn da? – KI-Talk im Stadthauptmannshof

Portraits, Konstantin von Notz.

Es ist ein ziemlich ungleiches Trio, das da am 28. März im Möllner Stadthauptmannshof zum Kulturtalk über Künstliche Intelligenz (KI) zusammenkommt. Das spiegelt sich schon in der Anreise wider. Dirk Kuchel wird sich in Hamburg ins Auto setzen, Konstantin von Notz vermutlich mit dem ICE aus der Hauptstadt anreisen und Roberto Simanowksi, der eigentlich in Rio de Janeiro zu Hause ist, braucht auf jeden Fall den Flieger, um in die Diskussion einsteigen zu können.

Kuchel, Chefredakteur von Computerbild, schlägt sich von Berufs wegen mit den vielfältigen Möglichkeiten von KI und deren Weiterentwicklung herum. Alles, was da ist und wird, muss von seinen Mitarbeitern getestet und den Lesern vorgestellt werden. Das erwartet das Publikum, das ist der Anspruch an sich selbst – sozusagen die DNA des Blattes. Computerbild marschiert immer an der Spitze der Bewegung. Ob Drohnen, selbstfahrende Autos, Sprachassistenten – das Blatt trägt die Fackel des Fortschritts. Ist da Platz für Zweifel? Bestimmt. Kuchel, geboren in Neustadt (Holstein),  ist ein ruhiger, nachdenklicher Mann, kein Haudrauf, sondern einer, der zugänglich ist für Argumente. Und er ist ein Mann vom Fach: Er hat die Springerschule durchlaufen und für verschiedene Blätter des Verlages gearbeitet. Dem Journalismus zugeneigt war er schon parallel zu seinem Studium an der Christian-Albrechts-Universität Kiel.

Für den Bundestagsabgeordneten von Notz (Grüne) ist der Kulturtalk als Möllner ein Heimspiel. Einerseits. Andererseits widmet er sich in Berlin auf großer Bühne den großen Themen. Dazu gehören der Datenschutz und die Digitalisierung. Als Parlamentarier gehört es zu seinen Aufgaben, einerseits Fortschritt zu ermöglichen und andererseits einen ordnungspolitischen Rahmen zu entwerfen. Dinge, die aus dem Ruder laufen, gilt es wieder einzufangen. Ein plastisches Beispiel gefällig? Drohnen sind ohne Frage eine tolle Erfindung. Wenn sie jedoch Starts und Landungen ziviler Flugzeuge oder gefährden, muss jemand wie von Notz darüber nachdenken, wie das ausgeschlossen werden kann.

KI, die eng mit Big Data – also dem massenhaften Sammeln und Nutzen von Daten – verbunden ist, wirft unzählige solcher Probleme auf und täglich kommen neue hinzu. Hier nicht den Überblick zu verlieren und das Wissen in politisches Handeln umzumünzen, ist eine echte Herausforderung. Von Notz stellt sich ihr und kann als Jurist dabei in Sachen Gesetzgebung und Gesetzesauslegung auf seine eigene Fachexpertise zurückgreifen. Wie Computerbild-Chefredakteur Kuchel ist er dabei jemand, der die Argumente abwägt. Dafür genießt er Anerkennung über die eigene Partei hinaus. Kreispräsident Meinhard Füllner (CDU) etwa wurde kürzlich in den Lübecker Nachrichten mit den Worten zitiert: „Alles, was er (von Notz) sagt, hat Hand und Fuß.“

Das Kulturtalk-Trio komplett macht der Medienwissenschaftler Simanowski. Sein Hauptaugenmerk hat der Forscher zuletzt auf die massenhafte Nutzung von Smartphone, Tablet und Co. gelegt. Es wird gedaddelt, gechattet, gestreamt und geklickt, aber kaum jemand macht sich ernsthaft darüber Gedanken, was hinter der Nutzeroberfläche geschieht, so seine Kernthese. Für Simanowski ist der Rechner eine Blackbox, „die ihre Operationsweisen verheimlicht und uns mit einem Ergebnis konfrontiert, dessen Zustandekommen wir nicht nachvollziehen können“. So schreibt er es in seinem 2018 erschienenen Buch „Stumme Medien“. Der Computer entziehe sich der Erkenntnis, was den Medienwissenschaftler mit Sorge erfüllt. Zudem beklagt er, dass der ständige Einsatz des Smartphones zu einer „Kultur der Ungeduld“ geführt habe, in der „der Fleiß des Einlesens, die Ausdauer bei Unklarheiten, die Anstrengung im Verknüpfen von These und Gegenthese“ weitgehend verloren gegangen sei. Stattdessen werde nach dem Motto verfahren: „Je weniger ich weiß, umso mehr bin ich überzeugt, Bescheid zu wissen“.

Dies gilt mit Sicherheit nicht für seine Gesprächspartner beim Kulturtalk. Sie kommen, um mit ihm über KI zu sprechen und darüber nachzudenken, wie diese Technik genutzt und dabei die offene Gesellschaft bewahrt werden kann.

Foto: konstantin-von-notz.de

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