Der Tausendsassa

Wer Klaus Irmscher mal beim Musizieren erlebt hat, weiß: Der Mann lässt sich nicht so leicht in ein Genre fassen. Der Liedermacher ist ein Mann mit Humor, ein musikalischer Tausendsassa, der stets bereit ist, Neuland zu betreten. Und er brennt für das, was er da macht, wie sich im Interview mit Kulturportal-Herzogum.de zeigt. Vermutlich kann er gar nicht anders. Mehrfach während des Gesprächs springt er auf, um zur Gitarre zu greifen und die Statements über sein Schaffen musikalisch zu untermauern.

Kulturportal-Herzogtum.de: Wie musikalisch war der kleine Klaus Irmscher?

Klaus Irmscher: Der kleine Klaus bekam von der Tochter unserer Vermieterin Schlager beigebracht. Sie war elf, ich zwei. Ich soll die Lieder auswendig gekonnt haben und habe gern vor mich hingesungen. Meine Mutter wohnte mit mir damals zur Untermiete bei einer Familie in Hamburg-Bahrenfeld. Mutter war schon während des Krieges von Sachsen nach Hamburg gekommen und hatte dort eine Lehre als Krankenschwester gemacht.

KP: Die Irmschers sind also keine Möllner Familie?

Irmscher: Nein. Mein Großvater hatte in Sachsen eine Nähmaschinenfabrik. Nachdem er in der DDR enteignet worden war, gingen er und meine Großmutter in den Westen – nach Hamburg, wo ja meine Mutter schon war. Mit einem Meister aus seinem sächischen Betrieb baute er in Mölln eine Neuauflage seiner Fabrik auf. Ich kam im Juli 52 mit knapp drei Jahren hierher.

KP: Den späteren Liedermacher lese ich da noch nicht raus…

Irmscher: Ich hätte den Betrieb übernehmen sollen, aber das ist es nicht geworden. Mein Großvater konnte mir kein unternehmerisches Denken vermitteln. Durch ihn hatte ich aber mit Sprachen zu tun. Schon früh hat er versucht mir Spanisch beizubringen. Als Dreikäsehoch soll ich besser auf Spanisch als auf Deutsch von 1 bis 20 gezählt haben. Großvater sprach Französisch, Englisch und Spanisch.

KP: Der Weg von den Sprachen, die man spricht, zum Texten und zum Spiel mit Wörtern ist aber noch mal etwas ganz anderes…

Irmscher: Den Drang zum Dichten hatte ich schon immer. Schon in der Realschule habe ich mir irgendwelchen Blödsinn ausgedacht.

KP: Und die Musik – Sie schreiben ja nicht nur die Texte, sie komponieren ja auch die Musik. Wie sind Sie dazu gekommen?

Irmscher: Das ging mit 13 los. Ich habe bei den Pfadfindern Gitarre gelernt. In der Pfadfinderbeatband war ich Rhythmus-Gitarrist.

KP: Besaßen Sie ein eigenes Instrument? So eine Gitarre ist ja nicht ganz billig…

Irmscher: Zuerst habe ich mir eine Gruppengitarre geliehen. Als meine Mutter sah, dass das ernsthaft war, hat sie mir 40 Mark gegeben. 20 Mark habe ich mit Ferienarbeit verdient. Mit dem Geld habe ich mir die Gitarre vom großen Bruder eines Klassenkameraden gekauft.

KP: Sie wurden also zu Hause unterstützt?

Irmscher: Ja. Meine Mutter hat mir signalisiert, dass sie das gut findet. Sie war Fan von Georg Kreisler*, mochte Kabarett und hörte sich gerne satirische Sendungen im NDR an. Die Beatles fand sie gut – aber das hat sie mir erst später gesagt.

KP: Viele Sprachen, Freude am Dichten und eine humorvolle Mutter – ein bisschen was wurde dem Liedermacher denn doch in die Wiege gelegt…

Irmscher: In unserer Familie hatten wir den Hang zur Komik. Es wurde gerne gelacht. Aber aktiv Musik gemacht hat keiner.

KP: Wie ging es weiter mit der musikalischen Karriere?

Irmscher: Als der Bandleader der Pfadfinderband zum Bund musste, war das das Ende der Band. Von ´65 bis ´68 habe ich dann Sologitarre in einer Ratzeburger Band gespielt.

KP: Erinnern Sie sich noch an die Musik?

Irmscher: Das war so die Rock- und Popmusik, die damals „in“ war –Beatles, Rolling Stones, Searchers. Eigene Stücke konnte ich kaum einbringen. Wir spielten zum Tanz auf, und das Publikum wollte die angesagten Hits hören. Meine eigenen Songs waren musikalisch im damaligen Stil. Das erste Lied, das ich schrieb, klang ein bisschen nach „Let’s Dance“ von Chris Montez. Textlich waren das Fingerübungen, teilweise mit Tagebuch-Charakter – überwiegend auf Englisch. Auf Deutsch schrieb ich erst in München.

KP: Sie gingen nach München?

Irmscher: 1970 war ich dort – um Wirtschaftsingenieur zu studieren. Die Fabrik meines Großvaters hing da immer noch in der Luft. In München gab es Kleinkunstbühnen wie die „KEKK“, auf denen man sich als Solist mit was Eigenem stellen konnte.

KP: Sie haben gerade gesagt, dass ihre ersten Texte „eher Tagebuchcharakter hatten“? Wie wichtig ist Ihnen der Text? Ist er wichtiger als die Musik?

Irmscher: Beides ist mir wichtig. Text und Musik sind zwei Seiten derselben Sache. Wenn mir bei einem Lied die Melodie noch nicht gefällt, habe ich das Gefühl, ich habe das Thema emotional noch nicht verdaut. Oder ich habe eine achteckige Emotion, dass ich nur einen Rap schreiben kann.

KP: Stichwort Rap – wie sind Sie zu dieser eher jungen Kunstform gekommen?

Irmscher: Die Raps kommen einfach zu mir. Es ist ein Ausdrucksmittel für mich. Mit der Szene habe ich überhaupt nichts zu tun. 1983, als ich meinen ersten Rap schrieb, sagte ein Freund zu mir: Das ist ein Rap. Ich habe damals fünf Mal nachfragen müssen, bis ich mir das Wort merken konnte.

KP: Wenn man sich ihr Werk anschaut, sticht vor allem die Vielfältigkeit ins Auge. Wo sehen Sie die Grundlagen Ihres Schaffens?

Irmscher: Ich erzähle gerne Geschichten. Die Musik suche ich mir passend zum Thema. Dafür kämme ich schon mal meine Plattensammlung durch. Aufs Erzählen bin ich in Irland gekommen. Dort habe ich mich mit irischen Songs vollgesogen. Außerdem habe ich einen Liedermacher aus der dominikanischen Republik für mich entdeckt: Juan Luis Guerra – vom erotischen Liebeslied über Politsongs bis zum Gebetslied singt der alles. Seine Musik gefiel mir so gut, dass ich mir 2000 ein spanischsprachiges Programm erarbeitete.

KP: Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Irmscher: Wenn ich etwas freiweg mache, ist das schon sehr vom Folk beeinflusst. Manchmal ist es auch rockig. Ich versuche immer ein wenig lautmalerisch zu komponieren.

KP: Wie kommen Sie zu Ihren Geschichten? Gibt es da eine Agenda, die Sie verfolgen?

Irmscher: Ich singe über Dinge, die mich so beschäftigen, dass ich darüber einen Kommentar abgeben muss – und das ist schon von meinen Einstellungen beeinflusst. Auch fange ich an zu dichten, wenn ich von etwas sehr ergriffen bin – wenn mir das Herz aufgeht.

KP: Herr Irmscher, ich danke für das Gespräch.

*Georg Franz Kreisler (1922-2011), in Wien geborener Komponist, Sänger und Dichter.