Das Eis

Unter dem Motto „Wanted: Junge Autor*inn*en“ beteiligten sich 2019 zahlreiche Kinder und Jugendliche am von der Stiftung Herzogtum Lauenburg ins Leben gerufenen Schreibwettbewerb. Bereits im April wurden die besten Beiträge ausgezeichnet. Insgesamt sieben Preisträger gab es in den Alterskategorien der Sechs- bis Elfjährigen, der Zwölf- bis 16-Jährigen und der 17- bis 23-Jährigen. Die Gewinnertexte können Sie auf Kulturportal-Herzogtum.de lesen. Nach Magdalena Franz‘ Geschichte „Die alte Schreibmaschine“, Maya Fausts „Herbstzauber“ und Zoe Schreblowskis „Helenas Reise nach Atenia“ folgt nun der Prosatext „Das Eis“ von Thies Paap, mit dem er den Wettbewerb der Zwölf- bis 16-Jährigen für sich entschied.

Das Eis

Ich starre aus dem Fenster. Davor tobt ein Sturm, so stark das die Bäume brechen. Der Schnee in seinen Böen peitscht jeden aus, der dort draußen steht. Äste bersten unter seiner Last. Wieder ist die Scheibe von meinem Atem total beschlagen. Binnen Sekunden ist mein Hauch zu einer feinen und fragilen Eisschicht gefroren. Und mit jedem Hauch legt sich auch eine Schicht Eis auf meine Augen. Mit jeder Schicht verschwimmt die meine Sicht auf die Welt. Der Sturm vor meiner Scheibe wiegt sich in seinem eigenem Tackt und schwingt sich zu immer neuer Stärke und Wildheit auf. Seine Böen sind voll von Schnee und Eis, sie türmen sich immer weiter zu riesigen Wellen auf. Wie Projektile schlagen sie gegen die Scheibe. Sie bilden eine weitere Schicht du Eis, nur das ich sie nie brechen können werde. Die Scheibe ist nun so trüb vom Eis, dass ich davor nichts mehr erkennen kann. Auch über meine Augen legt sich schleichend eine Schicht Eis, von den Rändern kommt sie gekrochen bis sie alles bedeckt. Und plötzlich, von jetzt auf gleich, bin ich komplett blind, allein und kalt. Diese Kälte beginnt mich zu umschließen, und dann bin ich in ihr gefangen. Ich kämpfe dagegen an, Sekunde für Sekunde, Stunde um Stunde, Tag für Tag, von Woche zu Woche, Monat für Monat. Und dabei weiß ich das alles nichts nützt und ich spüre mit jeder Sekunde wie mein Geist immer weiter erlahmt. Nach einigen Monaten des Kampfes ist meine Kraft restlos aufgebraucht, und ich spiele schon mit dem Gedanken dem langsamen Tod der Kälte von mir ausgehend ein Ende zu machen. Aber dann stößt ganz plötzlich eine Nadel aus Eis in Mein Herz und ich werde Teil des Sturms. Als Eiskristall wirble ich nun hin und her und der Sturm wird immer stärker, wächst solange bis nur noch weiß zu sehen ist, löscht alle Lichter des Lebens.