Eine magisch schöne Magelone

Niemand hat es noch gereut, „Die schöne Magelone“ erlebt zu haben. Vom Dichter und Theatermann Ludwig Tieck niedergeschrieben und vom jungen Johannes Brahms als Romanzen vertont, hatte Regisseur Frank Düwel sie zur diesjährigen Oper auf dem Lande im Viehhaus Gut Segrahn erkoren.  Es gelang ihm und seinen Akteuren, mit einem der schönsten Liederzyklen der Romantik ein Paradestück von modernem Musiktheater aufzuführen – und das Publikum von Anfang bis Ende mittenhinein zu ziehen.

Die „Magelone“ war ein echter Wurf: Sie hatte Witz, bewegte tief und war so nur an diesem einen Ort möglich. Getragen von wunderbarer Musik und dem berührenden Spiel  der  Künstler, erlebte das Publikum einen inspirierten Sommerabend mit ganz neuen Spielräumen. Schon der Empfang unter freiem Himmel war Teil der Inszenierung – mit den überraschten Besuchern als Gästen und den Hausherren (Ilsabe und Detlev Werner von Bülow) als Eltern des Hauptdarstellers. Die danach erstmals in ovaler Arena stattfindende Vorstellung magnetisierte. Mit Recht ernteten Sänger Timotheus Maas, Pianist Lémuel Grave und Schauspieler Moritz Grabbe am Ende für ihre großartige Leistung satten Applaus und Bravorufe. Zum anderen schuf Frank Düwel in dieser Inszenierung einen seltenen Freiraum für die Besucher: Er machte sie mehrfach zum Teil des Spiels, hob die Grenze zur Bühne auf und ließ sie ihre eigene Vorstellungskraft ausleben. Man ging selbst mit auf die Reise – und nahm deshalb viel mehr mit nach Hause als ein grandioses Hörerlebnis.

In der Mitte eines Raums zu spielen und zu singen, keine Distanz zum Publikum zu haben – das ist selbst für Profis eine Herausforderung. Sie bewältigten sie mit Bravour und bewundernswerten körperlichen Einsatz. Der Kontakt mit den Menschen im großen Rund riss nie ab, die Nähe bannte sie. Stets fühlte man sich verbunden mit dem jungen Peter von Provence (Timotheus Maas), der vor dem Eintritt ist väterliche Unternehmen und einer arrangierten Heirat ausreißt, um auf Drängen und unter Führung seines Freundes Paul (Moritz Grabbe) vorher die Liebe und das Leben mit all ihren Irrungen und Widerständen kennenzulernen. Romantik und Intensität waren quasi programmiert. Pianist Lémuel Grave wob dazu tief einfühlsam den Klang und erweckte Brahms‘ Gefühlswelten zu vollem Leben – vom zartesten Sehnen bis zum Anbranden der Verzweiflung.

Es brauchte kaum Staffage, um das Publikum glücklich zu machen. Die Musik und ausgewählte Symbole  genügten als Anreize, um die Details der Geschichte individuell zu füllen. Zunächst blind geführt von Paul, steckt Peter voller Fragen ohne Antworten, ist oft auf dem Holzweg. Doch zunehmend öffnet er die Augen, will selbst entscheiden, kämpft sich mit seiner Liebe zu Magelone durch Unsicherheit und Sehnsucht, Lust und Leidenschaft, Trennung und Verzweiflung. Doch Liebe, Standhaftigkeit und Hoffnung tragen ihn – wie seinerzeit Odysseus – schließlich ins Ziel. Zu Magelone, auf festen Boden. Brahms‘ großartige Stimmungsbilder taten das ihre. Timotheus Maas mit seinem so sanften wie mächtig Bariton den Rest. Seine jungenhafte Ausstrahlung ließ die emotionale Reifung desto stärker wirken. Wie er’s nur schaffte, im Sitzen und Liegen, beim schnellen Tanz und mitten im Kampf, hin und hergeworfen in des Meeres stürmischen Wogen so zu singen? Er sang selbst den Schlaf und den Traum – sein „Ruhe, Süßliebchen“, in des Freundes Armen schlummernd, war eine Offenbarung.

Wenn mit wenigem Aufwand große künstlerische Momente entstehen, wenn 100 Papierschiffchen den großen Ozean der Trennung, das Stürme des Schicksals und das rettende Schiff darstellen können, wenn Frank Düwel wieder einmal besondere Möglichkeiten erkannt, gebunden und zum Blühen gebracht hat – dann ist KulturSommer-Zeit.

Text: Eva Albrecht/Foto: Antje Berodt