Nicht tot zu kriegen

So viel lässt sich nach mehr als 650 Jahren sagen: Dieser Mann ist einfach nicht totzukriegen. Auch wenn es Leute geben soll, die behaupten, er sei es. Nein, sein Tod ist nichts weiter als eine weitere Eulenspiegelei. Man muss nur die Zeichen, die er alle paar Meter hinterlässt, richtig deuten, und den Aufruhr, für den er in regelmäßigen Abständen sorgt.

Till, das ist die ewige Narretei. All jene, die in den kommenden Wochen auf den Möllner Marktplatz strömen, um die Eulenspiegel-Festspiele zu erleben, sollten sich das hinter die Ohren schreiben. Till, das ist der immerwährende Funke, an dem der Schabernack sich entzündet wie die Fackel an Olympias Flamme. Wer in seinem Namen spricht und seine Kappe trägt, dessen bemächtigt er sich und treibt ihn an zu Schabernack und bösen Streichen.

Das heißt im Klartext: Der Mann, der ab dem 9. August auf dem Möllner Marktplatz erscheint, schauspielert nicht. Er will nicht nur spielen, ihm ist es ernst und jeder, der mit ihm auf der Bühne steht oder seinem Treiben von der Tribüne aus zusieht, muss damit rechnen, Opfer seiner Eulenspiegeleien zu werden.

Vom Phänomen der ewigen Wiederkehr weiß schon der Lauenburgische Haushalts-Kalender zu berichten. „Wo so viele erlauchte Gestalten aus dem Dämmer der vergangenen Tage emporsteigen, wo so viel frohes Volk rumort, da duldet´s auch den einen, den Schalk nicht im Grabe an St. Nikolai. Vergnüglich lenkt er die Mähre von seinem Karren und wer seine Narrenschellen nicht erkennt, dem weist er sein Wappenzeichen, Eule und Spiegel, die ihm auch hier treu blieben“, heißt es in der Ausgabe des Jahres 1909. Anlass dieser Schilderung war ein Umzug im Jahr zuvor, mit dem die Lauenburger in der Stadt Mölln ihr Heimatfest begingen.

Die ersten Eulenspiegel-Festspiele gab es übrigens 1928. Die Handlung des Stücks, das damals aufgeführt wurde, war relativ simpel: Auf dem Marktplatz wird Till der Prozess gemacht und zum Tod durch Ertränken verurteilt. Das Urteil soll sogleich im Stadtsee vollstreckt werden. Dazu kommt es aber nicht.

Warum? Antwort siehe oben. Viel spannender ist an dieser Stelle ein Blick auf den Verfasser des „Dramas“: Er will Till umbringen! Um das zu deuten, muss man nicht Psychologie studiert haben. Der Mann hat schlicht Angst, Opfer von Tills Streichen zu werden. Leider sind sein Name, wie Stadtarchivar Christian Lopau versichert, und auch das Stück nicht mehr in den Archiven aufzufinden. Aber man kann sich vorstellen, dass Till ihn nicht ungeschoren davonkommen lassen hat. Womöglich ist die Tatsache, dass er dem Vergessen anheimgefallen ist, seine Strafe. Nach dem Motto: Wer mir, dem Eulenspiegel an den Kragen will, dessen Existenz „tillge“ ich von der Erde, so als hätte es ihn nie gegeben.

Martin Maier-Bode, Autor und Regisseur des Jahres 2018, erweist sich da als wesentlich klüger – wenn er auch wie so viele von der falschen Prämisse ausgeht, dass Eulenspiegel gestorben ist: Er kämpft darum, dass die Möllner „Nachwelt“ ihren Till für sich behält und dieser nicht etwa den Verlockungen der Ratzeburger erliegt.

Mehr zu den Till Eulenspiegel-Festspielen:

„Mit Till würde ich kein Bier trinken gehen“

https://kulturportal-herzogtum.de/2018/08/13/nicht-tot-zu-kriegen/