Zangen zu Skorpionen, Bäume zu Damen

Gegen halbzwei sind die Holzköpfe der Sonne ausgesetzt. Der Dunst hat sich verzogen. Auch die seltsamen Metallwesen an der Pferdekoppel liegen jetzt im hellen Licht. Hans-Joachim Ruge, Sybille Horn, Reinhard Sauer und Hans Fuhrke haben es sich vor der Werkstatt auf einem Stuhl bequem gemacht. Ein Vorzelt schützt sie vor Sonne. Sie warten – warten auf die nächsten KulturSommer-Gäste.

Das Quartett hat sich bei einem Kunst-Kurs kennen gelernt. Bei Jan de Weryha-Wysoczański, einem polnischen Bildhauer. Der Mann hat sie nicht nur tief beeindruckt, er ist auch dafür verantwortlich, dass nun all diese Skulpturen auf Gut Wotersen zu besichtigen sind. „Jan de Weryha-Wysoczański hat uns alle vorangebracht“, sagt Reinhard Sauer.

Aus seinen Händen stammen die seltsamen Metallwesen. „Ich bin Eisenplastiker“, erklärt er sein Metier. „Das heißt, ich baue Artefakte auf.“ Sein Material finde er auf Schrottplätzen. Vieles, was er verwende, stamme von ausgedienten Landmaschinen. Daraus schweißt er Tiere. Kleine und große. Reinhard Sauer zeigt auf einen Skorpion. „Die Beine hier“, erklärt er, „sind aus einer alten Werkzange.“

Ganz anders arbeitet Hans Fuhrke. Er verwendet alles, was groß und schwer ist. Einen riesigen Baumstamm hat er in eine stämmige Frau im roten Kleid verwandelt. Die Dame steht jetzt vor der Werkstatt. „Klein kann ich nicht“, meint er achselzuckend. Die Bildhauerei sei für ihn „optimale Entspannung“. Angefangen habe er sie als „Therapie“. Zunächst habe er gedacht – „ich kann das nicht“ –, aber dann habe er schnell gemerkt, ein bisschen gehe es doch.

Schönheiten sind Hans Fuhrkes Figuren nicht. Er sehe sie aber „positiv“, sagt der Schöpfer. „Sie sind nicht gefällig“, ergänzt Sybille Horn. Auch ihr Herz schlägt für die Bildhauerei. Sybille Horn ist Buddhistin. Sie sagt, sie sei bei ihren Arbeiten immer auf der Suche nach der Befreiung. Dabei sei sie an keine Form gebunden. Auch sei es ihr „wurscht“, ob sie in Holz oder Beton mache.

Kollege Hans-Joachim Ruge stellt klar, dass er mit allem arbeite, was er in die Finger bekomme. Sein Ziel sei „eine Form, die absolut ist. Ich weiß natürlich, dass man das sowieso nicht hinkriegt“, räumt er ein. Aber der Traum bleibt: ein Werk zu schaffen, dass sich jemand anguckt und sagt – „das ist es!“.

Unabhängig davon haben sie in der Bildhauerwerkstatt Wotersen die Kunst zum Lebensmodell erhoben. „Wir arbeiten hier, seit wir Rentner sind, zusammen“, sagt Reinhard Sauer. Das heißt nicht, dass sie sich ständig auf die Pelle rücken. „Bei der Kunst gehen wir schon unseren Weg“, betont Reinhard Sauer. „Aber wir beraten uns gegenseitig.“