Die Kerzen des Johann Hinrich Wichern

Die historischen Wurzeln des Adventes (adventus Domini = Ankunft des Herrn) liegen im 6. Jahrhundert. Papst Gregor der Große (590 – 604) hatte die vier Adventssonntage festgelegt, Karl der Große bestand 200 Jahre später auf vier volle Adventswochen. Schließlich wurde der Streit über die Länge der Adventszeit auf einer Synode im Kloster Limburg 1038 entschieden und durch das Konzil von Trient (1543-1563) sowie 1570 durch Papst Pius V. in der auch heute noch geltenden Form bestätigt. Der Adventskranz ist dagegen wesentlich jünger, noch nicht einmal 200 Jahre alt.

Am 21. April 1808 wurde in Hamburg Johann Hinrich Wichern als ältestes von sieben Geschwistern geboren. Gerade einmal 15 Jahre alt, da starb sein Vater und der älteste Sohn musste – wie in ähnlichen Situationen anderer Familien – die Versorgung der sechs Geschwister übernehmen. In Berlin und Göttingen studierte er Theologie und war ab 1832 im Hamburger Stadtteil St. Georg als Lehrer tätig.

Industrialisierung, Landflucht, Bevölkerungszunahme in den Städten, schwierigste Wohn-, Arbeits- und Lebensverhältnisse und daraus resultierend die Verarmung und Verelendung der Stadtbevölkerung wurden zum alltäglichen Begleiter Wicherns, woraus er seine ganz persönlichen Konsequenzen für sein berufliches Engagement zog. So gründete er schon 1833 mit Unterstützung des Hamburger Senats in einer alten reetgedeckten Kate in Horn, damals noch weit vor der Stadt, ein Rettungshaus für verwaiste und verwahrloste Kinder aus den Elendsvierteln der Stadt. Anfangs wurden 14 Jungen im Alter zwischen fünf und 18 Jahren betreut. Im „Rauhen Haus“, wie die Einrichtung später genannt wurde, erhielten sie nicht nur Unterkunft und Verpflegung, sondern auch Schulunterricht und eine Ausbildung.

Wichern sorgte auch für die Ausbildung der Ausbilder, indem er darüber hinaus das Bruderhaus errichtete. Sein Konzept aus sozialer Betreuung, Schule und Ausbildung der Schützlinge und gleichzeitiger Ausbildung der Diakone fand zunehmend Nachahmer und so wurde Wichern zum Vordenker des späteren Centralausschusses für die innere Mission der evangelischen Kirche, aus der die Diakonie hervorging.

Im Rauhen Haus in Hamburg-Horn lag auch der Geburtsort des Adventskranzes. Es war Wicherns ebenso einfache wie zugleich geniale Idee, seinen Schützlingen mit einer handhabbaren Zählhilfe im Advent die Zeit bis zum Heiligen Abend anschaulich zu verkürzen. Dazu nahm Wichern ein hölzernes Wagenrad und besteckte es mit Kerzen für jeden Tag vom ersten Adventssonntag bis zum 24. Dezember, dabei vier weiße für die Sonntage und entsprechend viele für die Werktage dazwischen. So konnten die Kinder und Jugendlichen sehen und zählen, wie viele Kerzen noch nicht brannten und ebenso viele Tage waren es dann noch bis Heiligabend.

„Was gucken die Knaben- und Mädchenaugen so lustig zum Kronleuchter empor? Oh, was sie da sehen, kennen sie wohl. Auf dem Kranz brennt das erste Licht, weil heute der erste Adventstag ist. Brennt der volle Kranz mit allen Lichtern, dann ist er da, der Heilige Christ in all seiner Herrlichkeit“, notierte Wichern. Anders als der Adventskalender mit seinen 24 Fenster für die Zeit vom 1. bis 24. Dezember orientierte Wichern sich an der Adventszeit. Und da diese unterschiedlich lang ist, hatte sein Wagenrad eben auch zwischen 22 und 28 Kerzen. Im Jahr 1839 stellte Wichern das Wagenrad zum ersten Male auf und es war zunächst nicht mit Tannengrün geschmückt. So hat der Adventskranz eben auch keinen germanischen Ursprung, wie mancherorts zu lesen ist, wenn wir ihn heute aus Tanne gebunden kennen. Denn auch diese Ausgestaltung geht auf Wichern zurück. Etwa um 1860 ließ er das Wagenrad mit Tannengrün bestücken.

Vom Rauhen Haus in Hamburg-Horn aus trat der Adventskranz seinen Siegeszug durch ganz Deutschland an, zunächst in die evangelischen Kirchen und anschließend zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die katholischen Gotteshäuser. Und er fand seinen Weg auch in die privaten Wohnungen, wo er aus Platzgründen und wegen der Wärmeentwicklung der vielen Kerzen auf vier Kerzen für die vier Adventssonntage verkleinert wurde, so wie wir ihn heute kennen. Aber auch Kränze in der Originalversion Wicherns finden wir weiterhin: Natürlich im Rauhen Haus, dann aber auch im Hamburger Rathaus und der Stadtkirche St. Michael (Michel), eine besonders große Ausgabe mit 1,5 Tonnen Gewicht im Lüneburger Wasserturm und schließlich im Deutschen Bundestag im Reichstagsgebäude von Berlin. Und mit etwas Mühe findet man auch einen Tischlermeister, der ein Wagenrad mit 28 Löchern zur Aufnahme der maximalen Kerzenzahl fertigt – vorausgesetzt die Größe des eigenen Heimes lässt eine Aufstellung und vor allem Benutzung zu. Hilfsweise kann man ja das Abbrennen der Werktagskerzen auslassen und sich auch so an diesem schönen Adventsbrauch erfreuen, den uns der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern (1808-1881) aus der Hansestadt Hamburg bescherte.

Anders als der Adventskranz hat der Adventskalender mit seiner immer gleichen Größe von 24 Fenstern für die Kalenderzeit vom 1. bis 24. Dezember keinen kulturell christlichen Ursprung. Er stammt aus dem Buchdruckerhandwerk Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Lothar Obst