Die Geschichte von „Claus auf hoher See“

Der folgende Text trägt den Titel „Claus auf hoher See“ und stammt aus der Feder von Jana Burmeister (Foto). Im Rahmen des Schreibwettbewerbs „Wanted: Junge Autor*inn*en“, initiiert von der Stiftung Herzogtum Lauenburg, erhielt er für seinen Beitrag in der Altersgruppe der Sechs- bis Elfjährigen eine Auszeichnung.

Claus saß auf der Fensterbank in seinem Zimmer und schaute hinaus in den Regen. Eigentlich wollte er sich mit seiner Robbenfreundin Mina treffen, doch bei dem Wetter war das unmöglich. Krabben wie Claus konnten nämlich kein Gewitter vertragen. Da klingelte es an der Tür, es war ein Postbote. Claus lief die Treppe runter. „Hier Clausi“, rief sein Vater Lars. Es war ein Brief. Claus nahm ihn entgegen und ging zurück in sein Zimmer. Er liebte es, wenn er Post bekam! Auf dem Umschlag stand:

An: Claus mit der Mütze, Strandweg 7, 26078 Krabbenhausen.

Von: Friedrich mit der Mütze.

Claus öffnete den Brief und las:

Ahoi, lieber Claus!

Ich bin wieder auf Seefahrt. Habe ein paar Wattwürmer kennengelernt.

Sehr schönes Wetter. Vielleicht entdecke ich eine Insel.

Viele Grüße aus dem weiten Meer!

Dein Opa

 „Wie gerne wäre ich Seefahrer und Abenteurer wie mein Opa“, dachte Claus. „Immer erlebt er spannende Abenteuer und entdeckt unbekannte Inseln!“ Eine hatte er schon entdeckt, und er nannte sie „Mützeninsel“. Sein Nachname war nämlich genauso wie der von Claus: „mit der Mütze“.

Claus legte den Brief auf seinen Schreibtisch. Da hörte es auf zu regnen. Claus rannte die Treppe runter. „Papi, ich gehe zu Mina“, rief Claus. „Mach‘ das, aber komm‘ nicht zu spät zum Abendessen!“ rief Lars noch hinterher, aber da war Claus schon draußen. Er lief zum Strand, wo Mina wohnte. „Hallo Claus! Ich bin hier!“, rief die Robbe. „Ich angle gerade, doch heute habe ich einfach kein Glück“, erzählte sie, als Claus bei ihr angekommen war.

„Lass‘ uns doch mit Papas Anglerboot ein bisschen weiter auf das Meer hinausfahren“, schlug Mina vor. Claus war einverstanden. Sie zogen das kleine Boot zum Wasser. Als sie ein bisschen vom Strand entfernt waren, warf Mina ihre Angel aus. „Willst du auch mal?“, fragte sie Claus. „Ich habe zwei Angeln, und es macht riesigen Spaß!“ Mina zeigte Claus, wie man angelte.

Doch während sie so redeten und Claus versuchte, seine Angel auch so auszuwerfen wie Mina, trieb das Boot immer weiter auf das offene Meer hinaus. „Wollen wir nicht so langsam mal umdrehen?“ fragte Claus plötzlich. Er nahm das Paddel in die Schere und drehte sich um. Claus erschrak. Als er zurückschaute, konnte er das Ufer nicht mehr sehen. „Mina, wo sind wir?“ rief er panisch.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Mina mit Tränen in den Augen.

„Ich hab‘ doch von Opa Friedrich einen Kompass zum Geburtstag bekommen. Blöd, dass ich ihn zuhause gelassen habe!“ Auch Claus kämpfte mit den Tränen.

„Bald wird es dämmrig, dann können wir nichts mehr sehen“, rief Claus. „Es sieht eh alles gleich aus“, entgegnete Mina trocken. Sie hatte sich wieder gefangen und meinte zu Claus: „Ein Glück, dass wir ein paar Fische hier haben, dann müssen wir nicht hungern. Hier, probier mal.“ Sie bot Claus einen kleinen Fisch an.

Obwohl Claus Fisch nicht so gerne mochte, aß er ihn, denn er hatte inzwischen richtig Hunger. Die beiden schaukelten in ihrem Boot auf den Wellen und wussten nicht, was sie tun sollten. Es wurde ein wenig dämmrig, bald würde es Abend sein. Claus setzte sich an den Bootsrand und träumte vor sich hin.

Da schreckte Claus hoch. Er glaubte, ein Licht gesehen zu haben. Nein, das hatte er sich wohl nur eingbildet. Doch! Da war es wieder! „Mina!“, schrie Claus. Eine Taschenlampe leuchtete in ihr Boot.

„Was macht ihr denn hier so spät in der Nacht?“, fragte eine vertraute Stimme. Zumindest war sie Claus vertraut. „Opa Friedrich!“, brüllte Claus. Claus und Mina erzählten Opa Friedrich die ganze Geschichte.

„Es war mutig von euch, sich auf das Meer zu wagen“, meinte Opa Friedrich, „aber macht das nie wieder, ja?“ Die beiden Freunde kletterten zu Opa Friedrich auf sein Schiff. „Stellt euch vor, ich wäre nicht jetzt zurückgekommen, dann hätte euch keiner gefunden.“ Opas Stimme klang plötzlich sehr ernst.

Sie schwiegen, während Opa das kleine Boot an seinem Schiff festmachte und es hinter sich her zog. Dann rief er Lars an mit seinem Krabbofon. Lars hatte sich schon so langsam Sorgen gemacht, aber nun war er beruhigt, dass es den beiden gut ging. Er versprach, auch Minas Eltern Bescheid zu sagen. „Und nun lasst uns alle ein wenig schlafen“, sagte Opa Friedrich.

„Morgen können wir in aller Frühe weiterfahren, wenn die Sonne aufgeht.“ Während Opa Friedrich in der Kajüte in seine Koje schlüpfte, machten Claus und Mina es sich in den Gästekojen gemütlich. Von dem beruhigenden Plätschern des Wassers war Claus bald eingeschlafen. Auch Mina blieb nicht mehr lange wach.

„Sag‘ mal, Opa“, fragte Claus irgendwann vorsichtig und reckte sich. „Ja, Clausi?“ antwortete Opa Friedrich und gähnte. „Hast du eine Insel entdeckt?“

„Nein, leider nicht. Ich kann euch später von meiner Fahrt erzählen“, antwortete der Seefahrer. Sie gingen alle drei wieder an Deck. Langsam kam die Sonne hervor. Es war bereits sehr früh am nächsten Morgen. Bald konnten sie wieder sehen, was um sie herum passierte.

Plötzlich entdeckte Claus ganz viele kleine Punkte im Meer. Er ging zur Reling und schaute genauer ins Wasser. „Nein! Dorsche!“ rief er. Knapp zwei Meter vor ihrem Schiff schwamm ein Schwarm Dorsche, schlimme Fressfeinde der Krabben! Sie kamen immer näher. Opa Friedrich steuerte von ihnen weg, doch die Dorsche waren schneller. Sie umzingelten Opas Schiff. Opa versuchte, sie platt zu fahren, aber das war so gut wie unmöglich. Sie flutschten immer wieder weg und versuchten sogar, auf das Schiff zu springen. Einer hatte es fast geschafft, da wendete Opa Friedrich so scharf, dass der Fisch zurück ins Wasser platschte.

„Ihr müsst kurz aufpassen“, rief Opa Friedrich Mina und Claus zu, „ich bin gleich zurück!“ Er verschwand in der Kajüte. Claus lenkte das Schiff im Kreis herum, damit die Fische wenigstens nicht an Deck springen konnten. Mina saß in der Ecke und überlegte. Robben fraßen Dorsche. Doch so eine einzelne Robbe würde einem ganzen Schwarm Dorsche nichts ausmachen. Was konnte sie nur tun? Da kam ihr ein Geistesblitz. „Halt‘ durch, Claus!“ brüllte sie zu der kleinen Krabbe, bevor sie im Inneren des Schiffes verschwand.

Claus blickte sich um. Lange würde er nicht mehr durchhalten.

Mina suchte und suchte. „Hoffentlich ist oben bei Claus an Deck alles okay“, dachte sie. Endlich fand sie, was sie brauchte. Sie robbte zurück an Deck. Opa Friedrich war auch wieder da. Mina drückte ihm ein Megafon in die Hand und erklärte den beiden Krabben kurz ihren Plan. Dann warf sie sich das große weiße extra-Segel über und sprang kopfüber ins kalte Wasser. Sie schwamm schnell auf die Dorsche zu, während Opa Friedrich und Claus schaurige Monstergeräusche ins Megafon brüllten.

Die Dorsche flohen. Claus jubelte. Mina sprang zurück an Bord und begutachtete glücklich ihr Werk. Der Weg war frei! Nun konnte nichts mehr schief gehen.

Endlich waren sie zuhause. Opa brachte Claus und Mina zu Lars. Claus machte sich auf Ärger gefasst, doch so schlimm wurde es gar nicht. Lars hatte sich nach Opa Friedrichs Anruf keine Sorgen mehr gemacht, und nun machte er den drei Seefahrern erstmal einen Kakao.

„Danke Opa, ohne dich wären wir nicht wieder nach Hause gekommen!“

Claus war glücklich. Es war ein schönes Gefühl, einen Seefahrer an seiner Seite zu haben, und er war sich sicher: sein Opa war der beste Opa der Welt!

 

 

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