Auf die Idee kommt es an

Auf die Idee kommt es an – sagt Ai Weiwei und er muss es wissen. Schließlich ist er ein international anerkannter Künstler. Im Zusammenspiel mit einer Baumarkt-Kette hat er jetzt ein Kunstwerk zum Nachbauen kreiert. Dafür braucht es ein paar Stangen, neonfarbene Jacken – und Kabelbinder. Gibt es alles vor Ort und ist „facile á faire“, wie die Franzosen sagen.

Die Idee dahinter? Ai Weiwei hat sie nicht verraten. Was man sieht ist, dass die Jacken beim Aufstellen des Kunstwerkes in die Höhe schießen. Sie leuchten orange-rot. Ein symbolisches Rettungsboot, das sich entfaltet? Oder sollen die vielen herren- und frauenlosen Jacken an Menschen erinnern, die verschwunden sind? Auf jeden Fall muss man Ai Weiwei unterstellen, dass hinter seinem Kunstprodukt eine Portion Ethik steckt. Einer wie er, der seine Heimat aus politischen Gründen verlassen musste, macht so etwas nicht ohne Hintersinn.

Dass es Betrachter gibt, die dennoch an der Sinnhaftigkeit eines solchen Objektes zweifeln, ist Ai Weiwei nicht anzukreiden. Das Zweifeln an sich hat die moderne Kunst schon vor Urzeiten gesät. Es hat Heerscharen von Kunstignoranten und Kunstmuffeln hervorgebracht, die bis heute erfolgreich Abstand zu unverständlichen Ismen – Dadaismus! Kubismus! – halten.

Doch das war gestern. Dank Ai Weiwei ist die moderne Kunst hier und heute in den Baumarkt – Ausdruck des Massenkonsums und Inbegriff von Praktikabilität und Nützlichkeit – umgezogen und mitten in der Gesellschaft angekommen. Wo alle hingehen, um Lösungen für den Alltag zu finden, kann es sich kein Mensch mehr erlauben, zu behaupten, er verstehe nur Bahnhof und mache deshalb einen Bogen um die Sache. Dank Ai Weiwei sind wir alle nun gezwungen, zu Experten zeitgenössischer Kunst zu werden. Für Künstler dürfte das eine tolle Nachricht sein. Die Frage ist, was das für den Baumarkt von morgen bedeutet.

Helge Berlinke