„Musik beginnt mit dem Herzschlag“

Seit einem Jahr engagiert sich Susan Sojak mittlerweile als Vorsitzende des Folkclubs Mölln. Ein guter Zeitpunkt für Kulturportal-Herzogtum.de, mit der 48-Jährigen Grambekerin die vergangenen zwölf Monate ein wenig Revue passieren zu lassen und mit ihr über das zu plaudern, worum sich in ihrem Amt alles dreht – um den Folk.

Kulturportal-Herzogtum.de: Frau Sojak, was ist Folk?

Susan Sojak: Folk ist der urtümliche Musikstil, der sich in den Ländern und Regionen der Welt – in den Kulturen – über die Jahrhunderte entwickelt hat.

KP: Die Antwort kam jetzt wie aus der Pistole geschossen. Haben Sie über die Definition schon mal nachgedacht?

Sojak: Tatsächlich habe ich mich mal mit jemandem darüber unterhalten, den ich über den Folk kenne. Der sagte zu mir: Ich weiß gar nicht, was ist das eigentlich – Folk? Mein erster Gedanke war: Was für eine simple Frage. Dann habe ich gedacht: Was für eine berechtigte Frage – weil man Folk ja nicht so definieren kann wie zum Beispiel Klassik oder Jazz. Da gibt es gewisse Regeln in der Musikalität, da gibt es Gesetzmäßigkeiten, wie ein Stück aufgebaut sein muss – und das ist beim Folk nun gar nicht gegeben.

KP: Wenn man Ihnen so zuhört, möchte man meinen, hier spricht nicht die Vorsitzende des Folkclubs, sondern eine Musikerin…

Sojak: Ich spiele in der Möllner Folkband Gitarre. Da habe ich Folk kennen gelernt – beispielsweise den schwedischen Walzer und den deutschen Walzer. Es hat sehr lange gedauert, bis ich in der Lage war, einen schwedischen Walzer rhythmisch zu begleiten, weil er so ganz anders ist als unser, obwohl beide im Dreivierteltakt gespielt werden.

KP: War die Band Ihre erste Begegnung mit der Folkmusik?

Sojak: Nein. Mit Folk-Musik in Verbindung gekommen bin ich über den internationalen Folk-Gottesdienst. Pastor Matthias Lage* hatte mich dazu eingeladen. Er hatte mich spielen hören und gefragt: Möchtest du nicht beim Folk-Gottesdienst mitmachen? Und dann zählte er die Musiker auf, die dabei sein sollten und ich sagte: Nein. Bei denen saß ich schon im Konzert. Das ist eine ganz andere Liga. Das schaffe ich nicht. Doch – sagte er – das kannst du. Ich habe dann gedacht: Ok. Wenn ich diese Chance habe, dann nutze ich sie auch…

KP: Und – hat es funktioniert?

Sojak: Ja, hat es. Es war das erste Mal, dass ich mit anderen Musikern zusammengespielt habe. Das hat mir so gut gefallen, dass ich Matthias Lage gefragt habe, wo man in Mölln Musik machen kann. Er erzählte mir von der Möllner Folkband. Ich solle da mal mit Lorenz Stellmacher** sprechen. Zeitgleich hatte mich jemand angesprochen, ob ich nicht im Gospelchor mitsingen möchte. Ich bin dann mit beidem angefangen. Ich begann außerdem, öfter zu den Konzerten in der Lohgerberei und im Stadthauptmannshof zu gehen und stellte fest: Die Konzerte, die in Mölln stattfinden, haben eine ganz besondere Atmosphäre, wie ich sie bislang nirgendwo anders vorgefunden habe. Anfangs bin ich allein gegangen, weil ich niemanden in meinem Freundes- und Bekanntenkreis hatte, der diese Musik gut fand. Das war mir aber egal. Zumal ich in nullkommanix viele Leute kennen lernte und ich, ehe ich mich versah, ganz tief drin war.

KP: Konsumieren Sie Musik ausschließlich bei Live-Auftritten? Oder gibt es noch andere Kanäle, die Sie anzapfen?

Sojak: Wenn ich im Auto bin, höre ich Radio. Beim Kochen ebenfalls. Ansonsten höre ich Musik, gerne auch laut, wenn es mir gut geht und ich ausgesprochen viel Energie habe. Wenn ich bastele und zeichne, lege ich ruhige und entspannte Sachen auf. Oder ich lausche der Musik bei Kerzenschein in der Hängematte.

KP: Muss man Folk live hören?

Sojak: Ja.

KP: Warum?

Sojak: Erst dann entfaltet sich die Musik in der höchsten Vollendung.

KP: Hat das was mit dem Ursprung vom Folk zu tun?

Sojak: Bestimmt. Musik beginnt mit dem Herzschlag. Das ist der erste Rhythmus, der nach außen getragen wird. Faszinierend finde ich es auch, zu beobachten, wie die Musiker ihre Musik spielen – wie sie die Musik leben, welchen Ausdruck sie dabei im Gesicht haben, welche Körperhaltung sie einnehmen und wie sie mit dem Instrument umgehen. Das bleibt sonst völlig außen vor – das kann halt die beste Anlage nicht wiedergeben. Auch kann man sehen, wie der Ton erzeugt wird. Das trägt dazu bei, dass ich ihn erspüren und aufnehmen kann.

KP: Dank Pastor Lage haben Sie erst die Folk-Musik, dann eine Band und schließlich die Möllner Live-Konzerte für sich entdeckt. Wie kamen Sie zum Folkclub Mölln?

Sojak: Als ich in die Folkband eingetreten bin, bin ich auch in den Folkclub Mölln eingetreten.

KP: Ist der Verein, wie der Name es vorzugeben scheint, eine reine Möllner Angelegenheit? Oder stammen die Leute aus dem gesamten Kreisgebiet?

Sojak: Die meisten Mitglieder kommen aus dieser Region. Wir haben auch Mitglieder, die aus Dassendorf, Lübeck und Krummesse sind.

KP: Kommen die Mitglieder wöchentlich zusammen oder wie ist der Verein organisiert?

Sojak: Das Vereinsleben findet vorwiegend während der Konzerte statt. Anfang des Jahres habe ich ein Willkommenstreffen gemacht. Da habe ich mich vorgestellt. Dann bin ich mit allen, die da waren, einigen wesentlichen Frage nachgegangen: Was ist eigentlich der Folkclub? Was bedeutet er für mich? Wofür steht er? Jeder hatte die Gelegenheit, eine persönliche Einschätzung abzugeben.

KP: Und wie waren die Reaktionen?

Sojak: Unglaublich positiv. Die Mitglieder saßen an kleinen Tischchen, haben Schlagwörter auf Zettel geschrieben und an eine Wand geklebt. Es wurde eifrig diskutiert, gelacht, sich Geschichten von früheren Konzerten erzählt. Am Ende sind alle rausgegangen und haben gesagt: Jetzt weiß ich, was der Folkclub für mich ist.

KP: Eine Art Selbstvergewisserung…

Sojak: Ich merkte, da gibt es einige Persönlichkeiten, die jeder kennt. Daneben gab es nichts Greifbares. Es fehlte das Profil. Das war mein erster Eindruck. Ich finde es wichtig, dass man eine Haltung – ein klares Verhältnis zum Verein – hat.

KP: Gab es beim Willkommenstreffen noch andere Themen?

Sojak: Wir haben unsere Konzerte für dieses Jahr vorgestellt. Wenn man liest „Aerialists“, kennt man die Band nicht. Wir haben deshalb für jedes Konzert ein Bild und Infos gemacht.

KP: Das Konzert der „Aerialists“ und ein, zwei weitere Events fanden zu Beginn des Jahres statt – dann kam die Pandemie und hat alles über den Haufen geworfen…

Sojak: Ja. Während des Lockdowns habe ich dann mit jedem Folkclub-Mitglied einmal telefoniert. Ich kannte ja noch nicht jeden. Das waren tolle Gespräche, die sich natürlich auch um den Folk und den Verein drehten. Das war die zweite Stufe.

KP: Gab oder gibt es auch eine Stufe 3?

Sojak: Nein. Das Nächste, was folgte, waren die vier Open Air-Konzerte, die wir auf der August-Bühne*** im Stadthauptmannshof veranstaltet haben. Da wurde erlebbar und greifbar, was der Folkclub ist.

KP: Apropos Konzerte. Der Folkclub bringt nun schon seit Jahren jede Menge interessante Live-Musik auf die Bühne. Wie kommt man als Verein an all diese Acts?

Sojak: So schwierig ist das gar nicht, was mich auch total überrascht hat: Man muss sich keine Gedanken machen, dass man keine Band bekommt. Die Bands schreiben uns an: Können wir bei euch spielen? Es gibt mehr Bands, die spielen wollen, als Möglichkeiten irgendwo aufzutreten. Für unsere Planungen sitzen dann fast alle aus dem Vorstand zusammen und gucken auf die Liste, welche Musiker wir nehmen wollen. Dann wird Kontakt aufgenommen und ein Termin gemacht.

KP: Und die Realisierung der Konzerte – wie sind da die Abläufe?

Sojak: Die Fäden dafür ziehe ich. Meine Aufgabe ist es zu gucken, ob das alles läuft. Ich kann auch delegieren. Ohne Corona lassen wir unsere Konzerte in der Lohgerberei stattfinden. Bei größeren Konzerten kooperieren wir – fast schon automatisch – mit der Stiftung Herzogtum Lauenburg. Wir verteilen die Aufgaben so, dass es für jeden machbar ist. Wir machen das ja alle im Ehrenamt. Der einzige Lohn ist ein Dankeschön. Mir ist ganz wichtig, festzustellen, dass man auch ‚nein‘ sagen kann. Jemand, der nur zwei Mal im Jahr zum Konzert kommt, ist uns genauso wichtig wie jemand, der immer dabei ist und immer hilft.

KP: Frau Sojak, ich danke für das Gespräch.

*Pastor der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Mölln

**Musiker und Mitglied des Folkclubs

***Die Stiftung Herzogtum Lauenburg hatte dort vom 1. bis 30. August nicht-kommerziellen Veranstaltern kostenlos eine Bühne zur Verfügung gestellt.

https://kulturportal-herzogtum.de/2020/10/12/marie-diot-the-longest-john-folkclub-moelln/