„Der Weg nach Bethlehem II“

Lothar Obst ist nicht nur in der antiken Geschichte bewandert, er ist auch ein Kenner des Neuen Testaments. Zuletzt hat er sich aus der Perspektive des Historikers intensiv mit diversen Fragen rund um die Geburt Christi befasst. Im Folgenden widmet er sich Bethlehem und Nazareth und der Reisezeit zwischen den beiden Orten zur Geburt Christi. Kulturportal-Herzogtum.de veröffentlicht den Text in mehreren Abschnitten. Hier lesen Abschnitt II. Zu Abschnitt I geht es hier. Darüber hinaus erscheint am Montag (21. Dezember) ein Podcast mit Obst, in dem er sich der Frage widmet, seit wann Christen Weihnachten feiern.

Drei Wege führen nach Beth Lahm

Drei Reiserouten waren denkbar. Zunächst die Westroute über Afula und die uralte Festung Meggido hin zum fast ebenen Landstrich an der Mittelmeerküste. Gerade diese Teilstrecke an der Mittelmeerküste von Hadera im Norden vorbei an Netanya und östlich des heutigen Tel Avivs war eine bewährte Heerstraße der ägyptischen und mesopotamischen Armeen. Im flachen Land konnten die Armeen in entsprechender Stärke breit aufmarschieren und so bequem lange Tagesmärsche absolvieren. Verlässt man diesen Landstrich jedoch und will dann von Westen nach Jerusalem hinauf, wird es sehr bergig und streckenweise äußerst steil. Die Westroute ist mit mehr als 250 Kilometern auch die weiteste Strecke von Nazareth bis Bethlehem. Sie wurde von vielen Fremden begangen und ein weiteres kam hinzu: Hier wohnten die Samariter – und die waren in Israel verachtet. Wegen ihrer Länge kam die Strecke wohl eher nicht in Frage.

Die Ostroute wandte sich unterhalb von Nazareth über Bet Shean hin zum fruchtbaren Jordantal, das bei Jericho in Wüste übergeht, von wo sich aber auch der serpentinenartige Pfad nach Jerusalem hinaufwindet, bekannt als der Pilgerweg aus den Psalmen („Siehe, wir ziehen hinauf gen Jerusalem…“). Hier spielte sich das Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter ab. Es war ein beliebter, gut gangbarer Weg. Aber in dieser Landschaft unter dem Meeresspiegel fehlte es an Wasser, Wohnungen und Rastplätzen. Die Reisenden blieben oft auf sich selbst gestellt und mussten daher in guter körperlicher Verfassung sein. Für eine Schwangere wie Maria war es eine eher nicht geeignete Wegstrecke.

Gut vorstellbar ist, dass Maria und Joseph den kürzesten, sichersten und bekanntesten Weg wählten. Schon Abraham und – wie wir gesehen haben – Jakob waren ihn mit ihren Herden gegangen. Zahlreiche Dörfer und kleine Städte begleiten den Pfad über Jenia, Sebaste, Nablus, Bethel und Ramallah, so dass Reisende immer auf genug Wasser und Ruheplätze stoßen. Braune und sandgelbe Felsberge säumen die Straße, führen über fruchtbare Hochtäler mit reichen Getreidefeldern, dann erklimmt sie wieder steile Pässe, von denen man weit hinausschauen kann. Jeder Reisetag führt den Wanderer beständig höher hinauf und der glänzenden Stadt Salomons näher, bis er schließlich das faszinierende Häusergewühl und den Tempel von Jerusalem vor sich liegen sieht.

Das heilige Paar wird von Nazareth bis hierher nach Jerusalem ca. 10-12 Tage gebraucht haben. Man wanderte in den Morgenstunden und am späten Nachmittag, schlief am heißen Mittag irgendwo unter Olivenbäumen bei einem Brunnen, hinter einer Mauer oder in einer Schenke, vielleicht auch nur im Schatten eines Esels, um dann für die eiskalten Nachtstunden unter einem festen Dach oder wenigstens am kleinen Feuer in einer Höhle Unterschlupf zu suchen. In Jerusalem angekommen, lag Bethlehem nur noch einen Reisetag entfernt.

Ebenfalls gut möglich ist, dass Maria und Joseph in Jerusalem eine Tagesrast eingelegt und den Tempel aufgesucht haben, was vor 2000 Jahren schon genauso üblich war, wie wenn wir heutzutage zum Beispiel nach Rom reisen und ganz selbstverständlich den Petersdom aufsuchen. Aber darüber schweigen sich die Berichte aus, wie überhaupt Lukas und Matthäus von alldem, was wir bis hierher entwickelt haben, nichts berichten. Berichtet wird nur, dass sich Joseph „aufmachte“ und wie er eines Tages am Ziel ankam. Was dazwischen geschah, macht das Reisen vor 2000 Jahren in Palästina zwar verständlicher, tut aber scheinbar nichts zur Sache. Für die Heilsgeschichte ist es ganz und gar unwichtig. Lukas und Matthäus berichten nichts davon. Dennoch wird derjenige, der dem historischen Reiseweg von Damaskus nach Kairo folgt, auch heute noch vielfach das damalige Bild erkennen können, denn außer den Wohnhäusern und einigen modernen Hotels, Tankstellen und Wegweisern hat sich wenig geändert.

So werden wir wohl mit einiger Wahrscheinlichkeit den Weg von Maria und Joseph von Nazareth nach Bethlehem wie folgt rekonstruieren können:

1.      Tag von Nazareth bis Avilal (Yizreel)

2.      Tag bis Quabatiya (Kubätije)

3.      Tag bis Silatedh Dhar (Dscheba)                           52 km

4.      Tag  P A U S E

5.      Tag Deir Sharaf (Sebaste)

6.      Tag Huwara (Huwära)

7.      Tag Sinjil (Sindschil)                                                 58 km

8.      Tag  P A U S E

9.      Tag Jifna (Dschifna)

10.    Tag Ram (Rama)

11.    Tag Jerusalem (Yerushalayim)                               48 km

12.    Tag  P A U S E

13.    Bethlehem (Beth Lahm)                                            8 km

Die beiden werden die kleine Stadt Davids durch das Nordtor betreten und zuallererst die Herberge gesucht haben. Denn die rund zweiwöchige Reise war anstrengend, besonders für Maria, hochschwanger – das Kind musste jeden Tag kommen.