„Wir zeigen Träume in 3.000 Liter Wasser“

Anna Malten ist eine vielseitige und kreative Frau. Sie hat Grafik-Design studiert und Fähigkeiten erworben, die ihr heute noch für ihre Kunst – Anna Malten malt – von Nutzen sind. Außerdem ist sie Märchenerzählerin und seit ein paar Jahren Puppenspielerin. Zusammen mit ihrem Mann Wolf Malten, mit dem sie in Siebeneichen lebt, erweckt sie die Figuren des Wasser Marionetten Theaters zum Leben. Kulturportal-Herzogtum.de sprach mit ihr über den langen Weg zur „Bühnen“-Künstlerin.

Kulturportal-Herzogtum.de: Frau Malten, sind Sie ein Mensch, der gerne im Rampenlicht steht?

Anna Malten: Ich habe zumindest kein Problem damit. Ich lege es aber nicht drauf an. Ich bin ja keine Schauspielerin. Ich spiele keine Rolle. Wenn ich etwas auf der Bühne mache, suche ich nach der richtigen Facette in mir. Ich kann nur etwas verkörpern, was in mir angelegt ist.

KP: In Ihrem Stück „H2Upps“ spielen Sie aber schon eine Rolle – oder?

Malten: Wolf und ich sind in dem Stück Wolf und Anna und der Wassertropfen spricht mit mir. Ich kann mir vorstellen, mich mit einem Wassertropfen zu unterhalten. Ich kann auch mit einem Baum sprechen. Wenn ich mit dem Wassertropfen spreche, ist der auch für mich da.

KP: Menschen, die Sie nicht kennen, muss man sagen, dass Sie eher spezielle Formate des Bühnenspiels bevorzugen. Sie erzählen Märchen und Sie betreiben mit Ihrem Mann ein Wassertheater. Woher kommen diese besonderen Vorlieben?

Malten: Wie wird man Märchenerzählerin? Ich glaube, dass man damit geboren wird und es eines Tages merkt. Ich brauche dafür keine Bühne. Ich kann auch in der Fußgängerzone, in einer Scheune oder im Café erzählen. Dass ich auf der Bühne gelandet bin, hängt mit meiner Hochzeit zusammen. Das Wassertheater wurde vor 27 Jahren von Wolf Malten und Simone Frömming gegründet. Simones Tod hätte das Ende des Theaters sein können, denn so etwas kann einer nicht allein machen. Aber dann sind Wolf und ich uns begegnet und ich habe meine Begabung, Geschichten zu erzählen, mit in das Theater eingebracht.

KP: Kommen wir noch einmal auf die Märchenerzählerin Anna Malten zurück. Wie haben Sie gemerkt, dass das Märchenerzählen in Ihnen schlummert?

Malten: Vor 30 Jahren habe ich die keltischen Märchen für mich entdeckt und sie im Freundeskreis vorgelesen. Das wurde auch sehr gut angenommen. Ich habe dann aber gemerkt: Das geht nicht. Du guckst das Publikum gar nicht an. Eine Freundin hat mir dann den Tipp mit der Europäischen Märchengesellschaft gegeben, die seit Jahrzehnten Märchenerzähler ausbildet. Da habe ich vor 20 Jahren angefangen. Als ich meinem Mann begegnete, war ich schon 15 Jahre im Geschäft.

KP: Ärgert es Sie, dass Sie das Märchenerzählen relativ spät für sich entdeckt haben?

Malten: Nein. Man muss sein Leben schon ein Stück weit gelebt haben, bevor man in die Märchenwelt einsteigen kann. Märchen sind ja uralte Weisheitsgeschichten, die kann ich mit 20 so gar nicht erfassen.

KP: Was für Märchen sind das, die Sie erzählen?

Malten: Ich erzähle Volksmärchen, keine Kunstmärchen. Weisheit steckt in erster Linie in Volksmärchen. Da merkt man sofort, wenn eine Geschichte konstruiert ist. Das Volksmärchen spricht in Archetypen, das sind alles uralte Bilder. Es ist eine alte Bildsprache, in der die Menschheit sich wiederfindet – unabhängig von der Kultur.

KP: Sie sagten, dass Märchen „uralte Weisheitsgeschichten“ sind. Was sind das für Weisheiten? Inwieweit lassen sich die Märchen analysieren?

Malten: Natürlich kann man Märchen interpretieren. Ich rate aber nicht dazu. Märchen funktionieren im Unterbewusstsein. Man sollte ihnen nicht die Eingeweide rausholen. Dann verlieren sie ihren Zauber. Man kann davon ausgehen, dass jedes Bild tiefere Bedeutung hat. Das sind alles Archetypen, die über diesen Zauber funktionieren.

KP: Diese Archetypen gibt es beim Wassertheater nicht. Wie funktioniert diese Kunstform?

Malten: Die Brücke zum Wassertheater ist, dass wir fantastische Bilder unter Wasser zeigen – Dinge, die es eigentlich nicht gibt. In Märchen sind ja auch fantastische Dinge möglich. Da mache ich sie über Sprache sichtbar. Im Wassertheater mache ich es über die Figuren. Der Effekt ist ganz ähnlich. Die Menschen tauchen wie beim Märchenerzählen ab. Ich behaupte, die sind dann bei sich selbst.

KP: Worin liegt für Sie der Reiz beim Wassertheater?

Malten: Es ist die Mischung. Ich muss mich wahnsinnig konzentrieren – auf die Musik, die läuft und auf die Figuren im Wasserbecken. Ich begleite die Figuren unter Wasser bei der Geschichte, die sie sich erzählen. Die Geschichte haben wir uns vorher überlegt. Was die Figuren tun, ist bei jeder Aufführung neu. Das ist nie identisch.

KP: Fiel es Ihnen leicht, sich auf dieses Spiel einzulassen?

Malten: Ich würde es so formulieren: Als ich die Figuren zum ersten Mal ins Wasser gehalten habe, habe ich mich auf sie eingelassen, ihnen nichts aufgezwungen und ihnen „zugehört“. Auf diese Weise sind neue Geschichten entstanden, die Wolf live am Flügel begleitet.

KP: Sie haben also quasi etwas Neues kreiert?

Malten: Ja. Die Figuren, die wir aus dem Fundus übernommen haben, stammen aus mehr als 20 Jahren Wassertheater. Die Geschichten, die diese Figuren erzählen, habe ich leider nie gesehen, kann also auf nichts Bekanntes zurückgreifen. 

KP: Wenn Sie jemanden in eine Ihrer Aufführungen locken wollten, was würden Sie ihm sagen?

Malten: Kommen Sie und gucken Sie! Wir zeigen Träume in 3.000 Liter Wasser. Wir haben die Figuren und malen mit Licht unter Wasser, ohne Drehbuch, lebendig und augenblicklich. So ist Wassertheater.

KP: Frau Malten, ich danke Ihnen für das Gespräch.