Lauenburgische Kunstszene in der Corona-Krise

Es wütet. Es tötet. Es hört einfach nicht auf. Und weil das Virus unsichtbar ist, versetzt es nun ganze Gesellschaften wieder in Schockstarre. „Lockdown“? „Lockdown light“? Für die Kunst und die Kultur macht das keinen großen Unterschied. Die Absagen kamen zuletzt ohnehin schon (wieder) im Minutentakt.

Und nun? Ist dies der Untergang für die Lauenburgische Szene? Was machen die Künstler der Region? Tüfteln die Musiker angesichts der zweiten Welle am Soundtrack zum Untergang? Schreiben die Literaten ihren Abgesang? Mimen Schauspieler nur noch Tote? Verwandelt sich jedes Zeichenblatt neuerdings in schwarze Leinwand?

Susanne Voges würde all diese Fragen vermutlich mit „nein“ beantworten. „Die meisten haben ihren Job und kommen irgendwie klar. Das sind alles keine Jammerleute“, sagt Voges, die in Geesthacht das SmuX leitet. Künstler, die ausschließlich von ihrer Kunst leben, würden ihr auf Schlag kaum in den Sinn kommen. Von den ihr bekannten Profimusikern wisse sie, dass sie sich mit Hartz IV arrangiert haben. Einer sei sogar froh, dass er nach zehn Jahren endlich wieder krankenversichert sei.

Auch Voges jammert nicht. „Im Rahmen der Möglichkeiten haben wir zuletzt nur wenige Dinge gemacht – weil die Leute Angst haben.“ Zu den „wenigen Dingen“ gehörten Konzerte für 30 Zuschauer, die Voges organisiert. Dafür hat sie im SmuX einen Luftreiniger installieren lassen, der 350 Kubikliter Luft in der Stunde umwälzt. Das Gerät stellt sicher, dass sich im Raum keine Aerosolwolken bilden können. Zusätzlich nutzt Voges die günstigen Lüftungsbedingungen des Veranstaltungszentrums mit seinen großen Türen und Fenstern.

Solche Konzerte mit kleinem Publikum seien finanziell nicht sonderlich attraktiv, räumt Voges ein. Doch alles in allem sei sie bislang mit der Situation klargekommen.

Klar gekommen sind Stand Oktober 2020 auch die Künstler Anja Witt und Peer-Oliver Nau. „Ehrlich gesagt hatte ich bisher ein gutes Jahr“, sagt Nau, der sein Atelier in Ratzeburg hat. Gerade ist er in Süddeutschland unterwegs, um eine seiner Holzskulpturen persönlich bei einem Kunden abzuliefern. Die Pandemie hat der Künstler genutzt, um Aufträge abzuarbeiten, die bisher liegen geblieben sind. In naher Zukunft könnte das Überleben schwieriger werden. Wegen Covid-19 hat er 2020 kaum ausgestellt und blieb damit quasi unsichtbar. Entscheidend sei aber, dass man sich seine Kunst ansehen könne. „Bevor die Leute kaufen, kommen sie zum Gucken und noch mal zum Gucken – und irgendwann entscheiden sie sich.“

Auch die Aumühler Malerin Witt konnte in diesem Jahr kaum ausstellen. Wie Nau sieht sie darin ein Geschäftshemmnis, das sich – in diesem Punkt sind sich die beiden Künstler ebenfalls einig – nicht über digitale Galerien beheben lassen. „Virtuell ist wie ein Kuss durch die Scheibe“, sagt Witt.

Ein gesichertes Einkommen in Zeiten von Corona zu erzielen – für Witt ist es schon jetzt ein Tanz auf der Rasierklinge. Der Verkauf ist schwieriger geworden. Zwei Unternehmen, die vor der Krise Bilder von ihr ausliehen, haben bereits kündigt. Ihre Malschule musste sie den Hygienevorschriften entsprechend verkleinern. Gleichzeitig sind da die Fixkosten in Höhe von 600 Euro – etwa für das Atelier (Bei Kollege Nau sind es 2.000 Euro). Was ihr Mut macht, ist der Rückhalt, den ihr der eine oder andere in der Krise gibt.

Diese Bereitschaft zur Solidarität zeigt sich auch anderorts und sie hat viele Gesichter: Es gibt Initiativen wie das Kulturfestival SH, das Bühnenkünstlern und Bühnenbauern Auftrittsmöglichkeiten und Gagen verschafft. Es gibt die Stiftung Herzogtum Lauenburg, die im August kostenlos für Chöre und Bands eine Bühne zur Verfügung stellte. Es gibt einen Martin Turowski – der ja selbst mit der Krise zu kämpfen hat –, der dem Theater im Stall ermöglichen möchte, seine Weihnachtsinszenierung im Burgtheater zu spielen. Es gibt die Kulturhilfe SH, die Anna Maltens Postkarten-Aktion für ein Blumenmeer in den Farben des Landes Schleswig-Holstein unterstützt.

Doch der erneute Lockdown hat diesem zarten Pflänzchen der Hoffnung erst einmal einen Schlag versetzt. Kunst und Kultur – trotz leichter Sommerblüte – bleiben Krisengebiet. Das gilt auch für die Lauenburgische Szene. Es bleibt die Hoffnung, dass sie sich auch weiterhin nicht unterkriegen lässt, dass sie auch diese Herausforderung annimmt.