„Der Weg nach Bethlehem IV“

Lothar Obst ist nicht nur in der antiken Geschichte bewandert, er ist auch ein Kenner des Neuen Testaments. Zuletzt hat er sich aus der Perspektive des Historikers intensiv mit diversen Fragen rund um die Geburt Christi befasst. Im Folgenden widmet er sich Bethlehem und Nazareth und der Reisezeit zwischen den beiden Orten zur Geburt Christi. Kulturportal-Herzogtum.de veröffentlicht den Text in mehreren Abschnitten. Hier lesen Sie Abschnitt IV.

„… und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“

Wenn wir uns streng an Lukas halten, dann berichtet er uns – neben der Geburt Jesu natürlich – nur zwei weitere Fakten, die Maria und Joseph in Bethlehem passieren (Lk 2,7):

1.         Es gibt  s o n s t  keinen (anderen)  R a u m  in der  H e r b e r g e

2.         Maria legt ihren neugeborenen Sohn in eine  K r i p p e

Das heilige Paar trifft also auf eine ausgebuchte Herberge. Diesen Umstand hat man lange Zeit darauf zurückgeführt, dass der 500-Seelen-Ort wegen der „Schätzung“ von heimgekehrten Auswanderern überschwemmt gewesen sei, solange man diese „Schätzung“ als Volkszählung übersetzte bzw. interpretierte. Doch damit ist – wie wir in einem der vorderen Kapitel gesehen haben – in Wirklichkeit eine Steuererhebung auf Grundbesitz gemeint. Ein anderer Umstand war historisch also entscheidend: Damals wie heute begegnen sich in Bethlehem uralte Wege vom Norden in den Süden und die Karawanen-Straße von Gaza am Mittelmeer durch die Wüste Juda nach Südosten zur Oase En Gedi, der Festung Massada am Toten Meer, der Felsenstadt Petra und zur Weihrauchstraße im Osten Arabiens. In und in der Nähe von Bethlehem treffen mithin wichtige Handelsstraßen aufeinander. So ist dort schon seit dem Jahr 587 v. Chr. eine Karawanserei bekannt. Die Herberge wird ein vor 2000 Jahren typischer Khan gewesen sein, d.h. ein von einer rechteckigen Mauer umfriedeter Platz mit einem Brunnen, wo die Tiere ausgespannt wurden. Auch dieses Haus wird – wie wir oben gesehen haben – zweigeschossig ausgeführt worden sein. Im Untergeschoss wurden die Tiere untergebracht und im Obergeschoss befanden sich die Schlafplätze für die Gäste. In der Regel gab es nur jeweils einen Raum für die Frauen und die Männer. Beide Räume waren offensichtlich aber überfüllt.

Luther übersetzt den griechischen Urtext dahingehend, dass es   s o n s t  keinen (anderen) Raum in der Herberge gab. Wo die Familie übernachtete, berichtet Lukas nicht. War es auf freiem Feld oder in einer der für diese Gegend charakteristischen natürlichen Höhlen oder Felsgrotten, die vielfach künstlich erweitert wurden. Aber: Finden wir dort eine  K r i p p e, einen Futtertrog für das Vieh ?

Oder könnte es nicht doch ganz plausibel im erdgeschossigen oder angebauten Viehstall der Herberge gewesen sein, in der es  s o n s t   keinen anderen Raum für eine hochschwangere Frau gab, die kurz vor der Entbindung stand und bei der wohl schon die Wehen eingesetzt hatten ? Und damit würden wir auch den Wirt rehabilitieren, wird er uns doch in jedem Krippenspiel und bei jeder Darstellung der Herbergssuche üblicherweise als der barsch abweisende, herzlose Herbergsvater vermittelt, obwohl Lukas gar nichts über ihn schreibt. Fast schon eine an übler Nachrede grenzende Spekulation der Neuzeit! Nach 10 bis 12-tägiger beschwerlicher Reise wird eine hochschwangere Frau an der Herbergstür abgewiesen! Skandal! Vorstellbar oder unvorstellbar? Das hätten doch auch andere Übernachtungsgäste wahrgenommen und protestiert.

Kann es nicht vielmehr so gewesen sein: Der Wirt war gerade nicht abweisend, sondern ein zugewandter, mitfühlender Mensch. Sein Beruf war es ja, Menschen zu beherbergen, zu verpflegen und zu bedienen. Und er erkannte die Situation des Paares. Aber ausgebucht war eben ausgebucht. Ihm waren die Hände gebunden. Und so kommt er auf die Idee, dem Paar einen Platz im Viehstall bei den Tieren anzubieten. Dort ist es auch etwas separiert. Denn

s o n s t   gibt es ja keinen anderen Raum im Hause. Unterstellen wir – was ja gar nicht so fern liegt -, dass der Mann die Herberge zusammen mit seiner Frau bewirtschaftete, dann wird diese die Situation Mariens auch erkannt haben. Also holt man Wasser aus dem Brunnen, bringt Decken und Felle für die kalte Nacht im Stall, entzündet ein Feuer zum Aufwärmen. Und im Stall finden wir auch unser zweites Faktum: Die  K r i p p e. Philologisch leitet sich das althochdeutsche Wort „crippa“, mittelhochdeutsch „krippe“ oder „kripfe“ von einem geflochtenen Futterkorb für das Vieh ab, danach wird es sinnverwandt als „Wiege“ oder „Kinderbett“ gebraucht. Ursprünglich ist die Krippe die Futterstelle für das Vieh, der Trog im Stall oder im Freien. Und Joseph ist Handwerker, also praktisch veranlagt und richtet das Provisorium her. Alles sehr naheliegend und situationsgerecht. Nichts Außergewöhnliches. Doch darüber – oder vielleicht auch gerade deshalb – schweigt sich Lukas aus.

Dann geschieht das eigentliche Wunder der Geschichte, der Kern des Heils, der für Lukas auch wieder berichtenswert ist. Die Geburt des Kindes in der Nacht. Und natürlich ist hier kein Bettchen. Aber hier steht ein Futtertrog für das Vieh, die Krippe. Und Maria legt ihren Sohn in diese Krippe, weil ja sonst kein anderer Raum für die Drei da war. Damit sind wir beim zentralen Geschehen dieser Nacht angelangt, dem, was wirklich wichtig ist.