„Ich entdecke fast immer irgendwelche Veränderungen“

In einer überschaubaren Stadt wie Mölln ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass einem Hans W. Kuhlmann über den Weg läuft. Der 73-Jährige hat mit der Leitung und Pflege des Fotoarchivs eine öffentliche Aufgabe übernommen, die ihn regelmäßig durch die Gassen, Straßen und Ruhezonen der Stadt führt. Seit 2013 geht er dieser ehrenamtlichen Arbeit nach, die er selbst als Hobby betrachtet. Kulturportal-Herzogtum.de sprach mit ihm über die Zielstellung des Archivs, seine Bestände und seinen scharfen Blick für Veränderungen.

KP: Herr Kuhlmann, waren Sie schon immer an Fotografien und am Fotografieren interessiert?

Kuhlmann: Um ehrlich zu sein, überhaupt nicht. Ich bezeichne mich, was das Fotografieren anbetrifft, als ausgesprochenen Amateur. Aber: Mich hat schon immer die Geschichte, in dem Umfeld, in dem ich gelebt habe interessiert. So ging es mir auch hier in Mölln. Es ist das Interesse an den Häusern, das Interesse an der Infrastruktur, an Besonderheiten der Stadt und mehr. Das Fotografieren ist ein Nebeneffekt dieses Interesses.

KP: Sie sind kein gebürtiger Möllner?

Kuhlmann: Ich bin in Ratzeburg geboren. Meine Eltern hat es kurz nach dem Krieg aber gleich in die Ferne – zunächst an den Niederrhein, dann an die Weser – verschlagen. Ich selbst bin durch meinen späteren Beruf – nämlich bei der Luftwaffe – weltweit herumgekommen. Als es dann um das Thema Ruhestand ging und man sich überlegen musste, wo lassen wir uns nieder, sind wir dann in Mölln gelandet. Das war Zufall. Es hätte auch Ratzeburg sein können.

KP: Als Säugling entwickelt man noch keine Heimatgefühle. Was hat Sie bewogen, in den Norden zu kommen?

Kuhlmann: In Ratzeburg lebte noch Verwandtschaft – bis hin zu meiner Mutter, die ich ihre letzten Jahre im Seniorenzentrum Ratzeburg begleitet habe. Meine Großeltern und mein Onkel haben ebenfalls in Ratzeburg gewohnt. Dadurch waren wir darauf aus, uns hier irgendwo in der Nähe niederzulassen. Auch weil die Landschaft ihren Reiz hat. Nun Ratzeburg ist es nicht geworden, aber der Radius unserer Haussuche schloss Mölln mit ein.

KP: Mittlerweile hatten Sie genügend Zeit, sich einzuleben. Was gefällt Ihnen an Mölln?

Kuhlmann: Die kleine Stadt mit dem wirklich alten Stadtkern, die wunderschöne Umgebung mit den kleinen Seen und den Wäldern drumherum – das ist das, was den Reiz von Mölln für ausmacht. Und viele Wohnbereiche sind so günstig gelegen, dass man ohne Schwierigkeiten zu Fuß in die Stadt kommen kann.

KP: Ich kann mir vorstellen, dass sich diese Vorzüge im Fotobestand des Archivs widerspiegeln.

Kuhlmann: Besonders dokumentiert ist natürlich die Altstadt. Der ursprüngliche Sinn des Fotoarchivs war es, die Infrastruktur und deren Veränderung fotografisch festzuhalten. Das führt natürlich dazu, dass seit jeher die Altstadt mit allem drum und dran festgehalten wird, aber das Umfeld selbstverständlich auch. Auch ich strolche heute manchmal noch herum und schaue, wo es Gegenden gibt, die fotografisch bislang nicht erfasst sind. Da ist auch für meine Enkel noch Betätigungsfeld.

KP: Heißt das, man hat die Straßenzüge noch nicht aus allen Perspektiven abgelichtet?

Kuhlmann: Auch das. Aber wie ich eben sagte, ist der Hintergrund, warum die Dokumentation und Archivierung in den 60er Jahren ins Leben gerufen wurde, die Veränderung der Infrastruktur. Gegenwärtig ist es so, dass ich mehrmals wöchentlich durch die Altstadt streife. Fast immer entdecke ich dabei irgendwelche Veränderungen. Mal ist ein Haus teilweise renoviert, mal ist ein neuer Laden da und dergleichen mehr. Durch den Blick, den ich dafür habe, sehe ich Dinge, über die sich Möllner bei Vorträgen wundern, weil sie sie selber noch nie bemerkt haben.

KP: Sie sprechen von der Gegenwart, die davon geprägt ist, dass heutzutage jeder ein Telefon zücken und drauflos fotografieren kann. Wie ist es denn insgesamt um den Fundus bestellt? Das Fotografieren gibt es ja erst seit dem 19. Jahrhundert.

Kuhlmann: Wir haben im Archiv einen relativ großen Bestand, der aus der Zeit ab 1890 stammt. Davor wird es hier in Mölln ein bisschen spärlich. Das Älteste, was wir haben, ist eine handretuschierte Fotografie aus der Zeit um 1870 – leider in sehr schlechter Qualität. Sehr gut erhalten ist ein Foto von 1895, das Arbeiter bei der Restaurierung der Nicolai-Kirche zeigt. Aus der Zeit um die Jahrhundertwende gibt es außerdem viele Bilder von Hotels. Damals war es üblich, solche Fotos in Form von Postkarten an die Gäste zu verteilen. Wahrscheinlich ist das auch der Hintergrund für den Möllner Bestand.

KP: Um zu dokumentieren, dass man etwas auf sich hielt…

Kuhlmann: Richtig. Postkarten waren in der Zeit von um 1900 bis 1930 Standard für jeden Betrieb, der Gäste beherbergt hat.

KP: Sind denn viele dieser Postkarten erhalten geblieben?

Kuhlmann: Sehr viele. Wir haben unabhängig von den Fotos im Archiv eine große Postkartensammlung.

KP: Ich komme noch mal auf den Bestand des 19. Jahrhunderts zurück. Besitzt das Archiv aus dieser Zeit nur Fotos und Postkarten oder auch Negative?

Kuhlmann: Wir haben noch eine relativ geringe Anzahl von Negativen und von Platten – Glasplatten, die man früher beim Fotografen benutzt hat. Die heben wir natürlich sorgfältig auf. Negative und dergleichen nicht. Mein Vorgänger hat uns hauptsächlich Dias hinterlassen. Aus seiner Zeit stammen noch etwas 16.000 Fotos, die inzwischen alle digitalisiert sind. Die Dias haben wir sicherheitshalber im Keller gelagert. Aber irgendwann kommt der Moment, dass man auch die Dias nicht mehr braucht.

KP: Die Dias sind aber jüngeren Datums – oder?

Kuhlmann: Zum Teil handelt es sich um Bilder, die die Vorgänger der Stadtbildstelle, wie das Fotoarchiv damals hieß, von anderen Dingen gemacht haben. Sie haben zum Beispiel Zeichnungen fotografiert oder alte Papierfotos, um Dias herzustellen. Man muss also bei jedem alten Exemplar gucken, was die ursprüngliche Quelle war. Das Problem ist, dass sich bei Papierbildern oder Dias, egal wie gut man sie lagert, irgendwann Verfärbungen einstellen.

KP: Wann wurden die Dias gemacht?

Kuhlmann: Als die Stadtbildstelle geschaffen wurde – also in den 60er Jahren. Deren erster Verantwortlicher war der Leiter der Volkshochschule. Er hat mit einer Diasammlung angefangen.

KP: Ich springe noch mal wieder auf der Zeitachse zurück. Wie sieht es mit den Beständen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus?

Kuhlmann: Das ist die Zeit, die mich am meisten begeistert. Wir haben einen sehr großen Fundus aus den 20er und 30er Jahren. Wie viele Geschäfte, wie viele Läden es damals auch in den Nebenstraßen gab! Wenig erhalten ist leider aus der Zeit des Dritten Reiches. Ich vermute, dass viele Möllner ihr Fotomaterial 1945 sicherheitshalber weggeworfen haben.

KP: Interessant und aussagekräftig sind nicht nur die Kulissen, sondern auch die Menschen, die darin herumlaufen. Wie sieht es damit aus?

Kuhlmann: Auch da gibt es einen großen Fundus. Wir haben Porträtaufnahmen von hunderten Menschen. Das sind Fotos, die meistens Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Damals war es üblich, dass man zu bestimmten Anlässen zum Fotografen gegangen ist, um in einem Studio oder vor der malerischen Kulisse eines Sees ein Foto in Festkleidung machen zu lassen.

KP: Wie steht es denn mit dem, was wir heute „Schnappschüsse“ nennen?

Kuhlmann: Da gibt es jede Menge. Sie stammen dann allerdings aus den 20er und 30er Jahren. Interessante Aufnahmen, die das Innere von Läden zeigen, ob es nun ein Bäcker war oder ein Schlachter. Oder der berühmte Karl Vadder mit seinen Haushaltswaren und dergleichen mehr.

KP: Das Archiv soll ja den strukturellen Wandel dokumentieren. Inwiefern hat sich Mölln im Laufe der letzten 150 Jahre verändert?

Kuhlmann: Wenn ich die Stadt als Infrastrukturpaket betrachte, muss ich sagen: Die Altstadt hat sich wenig verändert. Natürlich gibt es einige traurige Beispiele, wo Dinge saniert worden sind, die nicht mehr kompatibel sind mit dem, was früher einmal war. Was sich dramatisch geändert hat, sind die Geschäfte. Früher gab es welche in der gesamten Altstadt. Allein in See- und Mühlenstraße gab es fünf, sechs Bäcker. Viele dieser Läden fangen schon in den 20er und 30er Jahren an zu verschwinden. Heute wird immer behauptet, die großen Supermärkte außerhalb der Stadt hätten alles kaputt gemacht. Anhand der Fotos kann man beweisen, dass das damit überhaupt nichts zu tun hatte.

KP: Damals gab es ja schon die großen Kaufhäuser…

Kuhlmann: Das Interessante für mich ist, dass ich anhand alter Fotos erkennen kann, wo solche Läden mal gewesen sind. Ich erkenne das an der Bauweise. Ein Musterbeispiel befindet sich auf dem historischen Markplatz – das alte Haus mit der Nummer 1, wo der Architekt heute sein Büro drin hat. Da erkennt man, dass das mal Schaufenster waren. Die Möllner wissen, dass da früher Schuster Lübbert seinen Laden hatte.

KP: Entdecken Sie auf Ihren Streifzügen auch noch alte Reklame?

Kuhlmann: Bis in die 1960er und 70er Jahre war so etwas in Mölln noch sehr häufig zu sehen. Vieles ist dann im Zuge von Fassadensanierungen verschwunden. Heute kann man so etwas noch in Einzelfällen entdecken. Hätte man kurz nach dem Krieg Interesse gehabt, solche Dinge zu konservieren, hätte man sich wahrscheinlich mit Sanierungen etwas mehr zurückgehalten. Aber nach dem Krieg ist im Norden vieles vom alten Bestand – Ratzeburg ist ja auch so ein Beispiel – einfach abgerissen worden, weil man halt was Neues haben wollte. Im Süden hat man das nicht gemacht. Deshalb gibt es da noch diese schönen mittelalterlichen Städte.

KP: Etwas Neues hinzustellen, war vermutlich günstiger…

Kuhlmann: Ganz sicher. Das war über die Jahrhunderte schon so. In Mölln gibt es 50 bis 80 Gebäude, deren Fassaden so verändert worden sind, dass man äußerlich kaum erkennt, dass es sich um alte Häuser handelt.

KP: Herr Kuhlmann, ich danke Ihnen für das Gespräch.