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„Wir leisten Pionierarbeit und finden neue Methoden“

Die Kulturszene durchlebt gerade ihren zweiten Lockdown. Veranstaltungen gibt es – wenn überhaupt – im Internet. Galerien und Museen haben geschlossen. Jörg-Rüdiger Geschke muss sich gerade vorkommen wie in einem Alptraum. Ihm, dem Sänger und Musiker, dem Mann, der als Vorstandsmitglied der Stiftung Herzogtum Lauenburg oder als Veranstalter des Möllner Folksfestes das kulturelle Leben im Kreis maßgeblich mitprägt, sind derzeit weitgehend die Hände gebunden. Vom Lockdown betroffen ist auch sein Berufsleben, das sich darum dreht, jungen Menschen eben diese darbende Kultur als Lehrer und Kreisfachberater für kulturelle Bildung nahezubringen. Kulturportal-Herzogtum.de sprach mit ihm über diese anspruchsvolle Arbeit in Zeiten der Pandemie.

Kulturportal-Herzogtum.de: Herr Geschke, Sie sind Kreisfachberater für kulturelle Bildung. Unabhängig davon engagieren Sie sich schon lange als Pädagoge und Musiker für dieses Thema. Für den Laien stellt sich da zunächst einmal die Frage, was ist eigentlich „kulturelle Bildung“?

Jörg-Rüdiger Geschke: Darunter versteht man ganz allgemein Kulturvermittlung für Erwachsene und Kinder. Nach neuerer Lesart ist Kultur nicht etwas, was man L’art pour L’art in die Welt setzt und guckt, ob es bei den Menschen ankommt. Man guckt auch immer, wie man es an die Adressatengruppen heranbringen kann.

KP: Welche Adressatengruppen haben Sie da im Blick?

Geschke: Wenn ich als Kreisfachberater für kulturelle Bildung auftauche, dann bezieht es sich eher auf die Schule. Und wenn es um die kulturelle Bildung in der Schule geht, ist es immer auch ganz wichtig, dass nicht die einzelnen Fächer gemeint sind. Es sind nicht gemeint Kunst, Musik, Theater oder Literatur. Gemeint ist ein Fächer übergreifender Ansatz, der Kinder für kulturelle Bildung öffnet im Zusammenhang mit ihrer eigenen Lebenswelt. Ich nehme mal ein ganz einfaches Beispiel: Wenn wir uns in Geschichte mit Ludwig XIV. befassen und einen Film dazu drehen, ist das ein Beitrag zur kulturellen Bildung im Geschichtsunterricht.

Kulturportal-Herzogtum.de: Das wäre schon in „normalen“ Zeiten eine anspruchsvolle Aufgabe. Jetzt kommt noch die Pandemie oben drauf. Lässt sie sich unter den derzeitigen Umständen überhaupt bewältigen? 

Geschke: Tatsächlich ist es aktuell schwierig. Gerade die Fächer der musisch-ästhetischen Erziehung sind im Distanzlernen schwer zu machen. Das hängt natürlich damit zusammen, dass Kultur davon lebt, dass Kommunikation stattfindet und dass diese Art der Kommunikation eher analog ist. Theaterspielen findet analog statt. Der Künstler atmet die gleiche Luft wie sein Publikum. Doch im Moment geht das nicht. Das heißt, dass wir uns jetzt ganz neue Dinge ausdenken müssen. Da sind wie die Künstler und die Kulturschaffenden auch die Lehrer gefragt.

KP: Was macht man denn da als Lehrer?

Geschke: Der Theaterunterricht findet auch online statt. Da geht es dann um theaterwissenschaftliche Themen. Die Schülerinnen und Schüler recherchieren über Theaterstücke. Das Zweite ist der praktische Unterricht. Natürlich kann ich die Aufgabe vergeben, sich eine Szene auszudenken. Oder ich entwickele ein digitales Filmprojekt. Die Schülerinnen und Schüler erhalten dann die Aufgabe, einzelne Szenen zu drehen. Anschließend treffen wir uns per Videokonferenz und tauschen unsere Ergebnisse und unsere Erfahrungen aus. Am Ende ist es dann Aufgabe des Lehrers oder eines Schülers, den Film zusammenzuschneiden. Im Bereich Kunst haben wir beim ersten Lockdown die Kinder animiert, ihre Situation im Homeschooling bildnerisch-künstlerisch darzustellen und haben dann eine Online-Ausstellung* gemacht. So etwas ist Kunsterziehung und Kulturvermittlung, andererseits ist es Lebenshilfe, mit der Situation des Lockdowns klarzukommen.

KP: Würden Sie sagen, dass eine Art Werkzeugkasten entstanden ist, wie Unterricht unter Corona-Bedingungen funktionieren kann? 

Geschke: Ja – und wir arbeiten immer weiter daran. Die Kreisfachberater aus Schleswig-Holstein sind gerade dabei, eine „Kulturkiste“ zusammenzustellen. Das heißt, wir haben die Kulturvermittler – das sind weitestgehend bildende Künstler und Musiker, die sich zum Kulturvermittler haben weiterbilden lassen – aufgefordert, sich kleine Kulturprojekte auszudenken, die für die Schule sofort umsetzbar sind. Voraussetzung ist, dass sie über das Internet funktionieren.

KP: Würden Sie sagen, dass da ein digitaler Schub ausgelöst worden ist oder macht man da gerade eher aus der Not eine Tugend?

Geschke: Natürlich machen wir das jetzt aus Not. Andererseits leisten wir da eine Pionierarbeit und erfinden neue Methoden. Und diese Methoden werden wir auch weiterhin brauchen. Die Digitalisierung wird nicht rückgängig zu machen sein, selbst wenn wir die Pandemie im Griff haben. Es gibt sogar Leute, die warnen: Nach der Corona-Pandemie ist vor der nächsten Pandemie. Auch deshalb ist es gut, wenn wir uns neue Formate überlegen. Was heute als Notlösung erscheint, wird rückblickend wahrscheinlich als das Erkunden neuer kultureller Methoden angesehen werden.

KP: Wenn Sie über Methoden sprechen, spürt man, dass da nicht nur der Fachmann für kulturelle Bildung spricht, sondern auch der Lehrer Geschke. Ich weiß, dass Sie erst kürzlich mit Schülerinnen und Schülern ein Theaterstück inszeniert haben. Wie lief das ab?

Geschke: Das fand ja noch in der Zeit des Teillockdowns statt, als wir noch analog vor reduziertem Publikum auftreten konnten. Wir mussten mit Abstand und mit Mundschutz inszenieren. Beides war sogar Thema im Stück.

KP: Man kann also sagen, dass das Miteinander sehr stark von der Pandemie überschattet war. 

Geschke: Nein. Die Einschränkungen haben nicht dazu geführt, dass die Kinder weniger Theater miteinander gespielt haben oder keine Lust mehr dazu hatten. Schwieriger wäre es jetzt, wo wir keinen Präsenzunterricht haben. Wie gesagt – ohne Präsenzunterricht müssen wir uns ganz andere Sachen überlegen. Es gibt Theaterpädagogen, die nutzen Zoom-Konferenzen als Theatertool. Da guckt der Zuschauer am Bildschirm und die Schauspieler sind in ihren Zoom-Fenstern in einzelnen Kacheln gefangen. Das ist auch eine Möglichkeit.

KP: Kommen wir nochmal auf Ihre Arbeit als Kreisfachberater für kulturelle Bildung zurück. Was können Sie angesichts des sich hinziehenden Lockdowns eigentlich noch tun? Sind Ihnen nicht weitgehend die Hände gebunden?

Geschke: Ich könnte da einige Bausteine aufzählen.

KP: Legen Sie los!

Geschke: Für uns als Kreisfachberater heißt Lockdown erst einmal Videokonferenzen über Videokonferenzen. Wir standen und stehen untereinander in ganz engem Austausch. Wir machen Projekte wie Schülerinnen@homeart oder IQSH-Fortbildungen wie „Theater mit Abstand“. Als Kreisfachberater bin ich außerdem für Museen, Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit zuständig. Da geht es darum, Bestandsaufnahmen zu machen und zu fragen: Wie können wir die Zusammenarbeit der Schulen mit den Museen und umgekehrt verbessern? Viele unserer Museen im Kreis werden ehrenamtlich geleitet. Man kann die Lockdown-Zeit für die Entwicklung digitaler Formate nutzen, damit sie an den Schulen noch präsenter werden, als sie es ohnehin schon sind.

KP: Sie fungieren also als Schalt- und Vermittlungsstelle zwischen den Schulen und den Museen?

Geschke: Genau. Wenn ich zwischen Museen und Schulen vermitteln will, frage ich einerseits: Sagt mir doch mal: Was wollt ihr von den Schulen? Aber genauso kann ich an die Schulen gehen und sagen: Was wünscht ihr euch eigentlich von den Museen? Ich plane zum Beispiel mit Frau Stockhaus vom Barlachhaus in Ratzeburg – ein wunderbares, sehr modernes und digitales Museum – eine Fortbildung. Da lade ich die Lehrer dann über das IQSH ein.

KP: Wie ist die Resonanz bei solchen Angeboten? 

Geschke: Ich arbeite daran, dass sie stetig besser wird. Dafür müssen die Schulen überhaupt erstmal verstehen, was kulturelle Bildung ist. Inwiefern kann sie unseren Schulalltag erleichtern? Da erdenke ich Projekte – auch mit den Schulen. Ich frage: Was würdet ihr denn erleichternd finden? Und dann gibt es die Projekte, die schon seit Jahren bei uns im Kreis laufen – zum Beispiel das Möllner Folksfest, wo ich als Kreisfachberater für kulturelle Bildung Schulkonzerte vermittele. Also, dass Künstler in die Grundschulen gehen und Konzerte spielen oder dass wir den Schulen Ausstellungen anbieten. Die Schulen müssen sich um nichts weiter kümmern, als mir bescheid zu sagen, in welchem Zeitraum sie die Ausstellung haben wollen. Ich organisiere dann den Rest.

KP: Aktuell haben Sie da ja so gut wie keinen Handlungsspielraum. Wie steht es während des Lockdowns, um den Kontakt zu den Schulen beziehungsweise zu den Lehrerinnen und Lehrern?

Geschke: Im Lockdown ist es sehr schwer, an sie heranzukommen. Das muss man mit Fingerspitzengefühl machen. Ich weiß, dass die Kolleginnen und Kollegen alle – und das sage ich voller Hochachtung – hart an der Überforderung arbeiten. Und als Kulturfachberater dann mit tollen Projekten zusätzlich zu kommen – das wäre blauäugig. Man muss es momentan mit Fingerspitzengefühl machen – mit kleineren Angeboten wie der „Kulturkiste“.

KP: Dafür suchen Sie dann aber den Kontakt?

Geschke: Ich schreibe an die Schulen im Kreis regelmäßig einen Rundbrief. Und grundsätzlich versuche an allen Schulen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zu finden. Ganz viel geht über die persönliche Ansprache. Wenn ich an Schulen eine Person kenne, mit der ich telefonieren kann, habe ich schon mal ganz viel erreicht. Dann läuft die Zusammenarbeit automatisch gut.

KP: Herr Geschke, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch.

*Gemeint ist Schülerinnen@homeart – ein von den Kreisfachberatern während des ersten Lockdowns im April landesweit angeschobenes Kunstprojekt. Schülerinnen und Schüler sollten künstlerisch ihre persönliche Sicht auf die Corona-Zwangsschulpause verarbeiten. Die Kunstwerke sind unter http://schuelerinnenathomeart.kulturvermittler-sh.de/ veröffentlicht.

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Schreiben, malen, drehen

Auch wenn die Schülerinnen und Schüler sich derzeit im Lockdown befinden, bleibt das Thema „Kulturelle Bildung“ auf der Tagesordnung. Aktuell läuft die dritte Auflage des von der Stiftung Herzogtum Lauenburg initiierten Schreibwettbewerbs „Wanted: Junge Autor*inn*en“. Mittendrin als Juryvorsitzender und Vorstandsmitglied der Stiftung ist auch Jörg-Rüdiger Geschke – vom Beruf Fachberater für kulturelle Bildung im Kreis Herzogtum Lauenburg.

„Wanted: Junge Autor*inn*en“ ist eine von mehreren Aktionen, mit denen jungen Menschen die Gelegenheit gegeben werden soll, sich auf kreative Art und Weise mit gesellschaftlichen, ökologischen und sozialen Themen auseinanderzusetzen. Eine weitere, Natur und Kultur verbindende Aktion läuft unter dem Motto „Kinderblütenreich“. Dafür suchen Geschke und seine Kollegin Elisabeth von Meltzer, Kreisfachberaterin für Natur- und Umweltbildung, Menschen, die Blühflächen zur Verfügung stellen oder Blütenpatenschaften eingehen. Aufgabe der Schülerinnen und Schüler wäre es dann das Grün und die bunten Blüten, künstlerisch ins Bild zu setzen. Diese kreative Arbeit soll klassenweise erfolgen.

Darüber hinaus hat die Diplom-Designerin Sandra Hansen das schon laufende Projekt „Out of my Box“ angeschoben. Es ermöglicht Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse, sich ästhetisch mit der Auswirkung der Pandemie auf ihre Lebenswelt auseinanderzusetzen. Als Ausdrucksmittel kommen Bild, Text, Audio- und Videodatei in Frage. Wer will, kann für seine Darstellung auch Medien miteinander kombinieren. Die digitalen Werke sollen auf eine digitale Pinwand hochgeladen werden. Die Teilnahme für Schulen ist kostenfrei. Anmeldungen nimmt Sandra Hansen persönlich entgegen. „Out of my Box“ ist Teil der von Kreisfachberater Geschke und seinen Kollegen initiierten „Kulturkiste“. Dahinter verbergen sich digitale Projektangebote, die den Schulen Unterrichtsmöglichkeiten für kulturelle Bildung in Zeiten des Lockdowns an die Hand geben sollen.

Kontakt:  

„Out of my Box“: Tel. 0176-55233425 und hansen@design-la-vie.de.

„Blütenreich“, Tel. 04156-256460 sowie e.vonmeltzer@posteo.de sowie joerg-geschke-rz@kfkb-sh.de.

„Wanted: Junge Autor*inn*en“: Fragen und Texte an info@stiftung-herzogtum.de. Anzugeben sind Namen, Anschrift, Geburtsdatum und Telefonnummer. Die Stiftung Herzogtum Lauenburg hat ihren Sitz in der Hauptstraße 150, 23879 Mölln. Weitere Infos zum Wettbewerb unter www.stiftung-herzogtum.de.

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„Die ganz neuen Leiden der jungen W.“

Jeder junge Mensch leidet auf seine ganz eigene Art und Weise. So auch Emma, die es fortzieht nach Berlin, um all ihre schlechten Erinnerungen hinter sich zu lassen. So wie sie sich sieht, ist sie eine bessere, erfolgreichere Emma. Das will sie beweisen – in einem Altenheim.

Altenheim statt DDR-Baubrigade, junge Frau statt junger Mann – der Kurs für Darstellendes Spiel der Gemeinschaftsschule Mölln hat unter der Leitung von Jörg-Rüdiger Geschke „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf in die Gegenwart transportiert und der jugendlichen Selbstfindung auch noch eine Pandemie mit auf den Weg gegeben. Ein gelungenes Manöver, wie sich bei der Welturaufführung zeigt. Das coronabedingt reduzierte Publikum, das aus zwei Klassenkohorten besteht, fühlt und leidet mit dieser Emma.

In dem Altenheim, in dem Emma arbeitet, stehen alle unter Anspannung. Die Seuche hat den Alltag auch in dieser Einrichtung aufgemischt. Alle tragen Maske, alle sind auf Abstand. Die Stimmung ist gereizt. Wie soll da Nähe entstehen? Wie können da Gefühle herunterkochen? Wo findet sich Trost in der Distanz? Und die Liebe? Ist nicht in Sicht in dieser vor allem von Frauen bestimmten Welt. Immerhin: Charlotte ist da, zu der Emma sich hingezogen fühlt.

Emmas Schicksal wird Stück für Stück über Rückblenden zu Tage befördert. Dafür bringt die Regie ihren Vater – im Leben nur eine Randerscheinung – ins Spiel. Emmas Vater begibt sich auf Spurensuche. Er spricht mit den Kolleginnen der Tochter, versucht herauszufinden, was seiner Tochter widerfahren ist. Wie Plenzdorfs Edgar in der Urfassung stirbt Emma an einem elektrischen Schlag. Bei Plenzdorf ist es eine selbstgebaute Maschine, die den Unfall auslöst, bei der Adaption ist es ein Föhn.

„Der Föhn ist ihre letzte Chance, zurückzukommen und zu zeigen, dass sie etwas kann“, sagt Geschke. Der Pädagoge und Kreisfachberater für kulturelle Bildung hat die Neufassung geschrieben. Diese Arbeit ist auch eine Reminiszenz an die eigene Vergangenheit. „Plenzdorfs Roman ist Teil meiner Jugend“, sagt er. Verblüfft habe ihn bei den Proben mit den Schülerinnen und Schülern dessen Aktualität. Für „Die ganz neuen Leiden der jungen W.“ habe er problemlos die Kulissen wechseln können. Es brauche keine 70er Jahre DDR, keine Brigade – der Kern des Stücks funktioniere, ganz gleich wo.

Offensichtlich ist die Sehnsucht der Jugend nach Anerkennung universell, allein Emmas Leid ist individuell. Geschke hofft, dass sich davon im neuen Jahr ein noch größeres Publikum überzeugen kann. Bislang haben sich die Inszenierung der Zehntklässlerinnen und Zehntklässler lediglich ein sehr kleines Premierenpublikum und vier Klassenkohorten am Vormmittag danach ansehen können.

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