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„Der Tanz lebt vom Moment“

Wie die meisten Menschen hatte und hat auch Nicola Zimmermann mit den gesellschaftspolitischen Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Monatelang war die Büchener Tanzpädagogin dazu verdammt, ihre Arbeit ruhen zu lassen. Doch Leidenschaft kennt keine Pause und so suchte sie sich Wege aus der Tatenlosigkeit. Auf diese Weise entstand der ausdrucksstarke Kurzfilm „Lost playgrounds“, in dem Schülerinnen ihrer Tanzschule die Hauptrolle spielen. Kulturportal-Herzogtum.de sprach mit Zimmermann sowohl über dieses Video als auch über ihren Weg zum Tanzen.

Kulturportal-Herzogtum.de: Frau Zimmermann, sind Sie ein Mensch, der gut stillsitzen kann?

Nicola Zimmermann: Da muss ich unterscheiden – morgens und spät abends: ja. Dazwischen muss ich sagen: Nein, ich kann nicht gut stillsitzen. Wenn ich Büroarbeiten erledige, gucke ich gern in Ordner, weil man dafür aufstehen muss – und ich wrangele die ganze Zeit auf meinem Stuhl herum.

KP: Man kann also sagen, dass Bewegung für Sie unerlässlich ist…

Zimmermann: Das kann man so sagen. Das spiegelt sich in allen Lebenslagen wider. Sogar beim Reisen. Ich bleibe ungerne an einem Ort. Die Bewegung gehörte immer schon zu meinem Leben. Schon als Kind habe ich gerne draußen gespielt und viel Sport gemacht.

KP: Dann dürften Sie froh sein, wenn Sie möglichst oft in den Tanzsaal kommen. Wie viel Zeit verbringen Sie im Tanzsaal?

Zimmermann: Das variiert natürlich. Ich würde sagen durchschnittlich vier bis fünf Stunden am Tag. Ungefähr. Es gibt natürlich auch Tage, an denen ich selber nicht unterrichte, aber dann choreografiere ich oder richte den Saal her.

KP: Apropos Choreographie. Wie entstehen bei Ihnen Abläufe und Tanzfiguren?

Zimmermann: Für die Kinder habe ich mittlerweile viel im Kopf. Nach 30 Jahren Berufserfahrung kann ich da auf ein gewisses Repertoire zurückgreifen und muss nicht mehr jeden Schritt durchexerzieren. Ich weiß ja, wie er sich anfühlt und wie er ausgeführt werden muss. Ich weiß auch, wie man gewisse Verbindungen herstellt. Andererseits habe ich ständig neue Gruppen von Kindern vor mir, die gewissen Moden unterliegen. Darauf muss ich mich natürlich immer wieder neu einstellen.

KP: Nur zum Verständnis: Ich hatte mir vorgestellt, dass man sich beim Entwurf einer Choreografie zunächst einmal an den Schreibtisch setzt und einen gewissen Plan entwickelt…

Zimmermann: Das sehen Sie schon ganz richtig. Vieles spielt sich erstmal im Kopf ab. Was für eine Atmosphäre will ich schaffen? Was ist Ziel – damit meine ich den Ausdruck – des Tanzes? Was funktioniert mit dieser oder jener Gruppe? Anschließend überlege ich, was für Musik in Frage kommt. Vielleicht habe ich auch schon ein paar Kostüme vor Augen und mir ein gewisses Bild gemacht. Dafür muss man natürlich auch mal stillsitzen und in sich hineinhorchen, bis dann im Tanzsaal oder in meinem großen Zimmer die Choreographie entsteht.

KP: Sie haben jetzt die ganze Zeit von Ihrer Arbeit als Tanzpädagogin gesprochen. Sie tanzen aber auch selbst. Wie steht es um Ihre ganz persönliche Leidenschaft zum Tanzen?

Zimmermann: Ich bin mittlerweile 53. Da steht man nicht mehr so viel auf der Bühne. Manchmal vermisse ich es. Ich fühle mich dort wohl. Ich kann mich mit Tanz anders ausdrücken als mit Worten. Das hat einen gewissen Reiz. Andererseits fühle mich auch einfach wohl, im Unterricht zu sein – Tanzpädagogin zu sein. Da bin ich ja auch manchmal Darstellende und schlüpfe in Rollen. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass man da einfach so sein Technikprogramm durchzieht. Auch da lebt man jeden Moment.

KP: Was bedeutet Ihnen das Tanzen?

Zimmermann: Viel. Ich erinnere mich an eine Art Schlüsselmoment: Als junge Frau wollte ich beruflich nicht nur etwas machen, um Geld zu verdienen. Ich wollte auch sinnstiftend arbeiten. Der Kerngedanke war, Menschen glücklich zu machen. Ich bin dann mit 17 zum Tanzen gekommen – ziemlich spät also – und ich habe mir gedacht: Ich kann die Welt nicht ändern, aber ich kann in kleinen Momenten den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich glaube auch, dass ich eine Art habe, die Menschen fröhlich macht oder dafür sorgt, dass sie sich wohl fühlen.

KP: Was zeichnet einen guten Tanz aus?

Zimmermann: Virtuosität ist natürlich toll. Wir bewundern das alle, wenn jemand besondere Fähigkeiten hat. Aber wenn es nicht mit Leben gefüllt ist, bleibt es kalt. Für mich ist ein guter Tanz ein Tanz, der ein inneres Befinden nach draußen bringt. Die Virtuosität muss da nicht im Vordergrund stehen. Da spielen auch Aspekte wie die Bespielung des Raumes, das Schaffen einer Atmosphäre und der Ausdruck beim Tanzen eine Rolle.

KP: Heißt das, dass man für einen guten Tanz auch gut tanzen können muss?

Zimmermann: Wenn ich Berufstänzer bin, sind gewisse Fähigkeiten natürlich wichtig. Das ist das Repertoire, aus dem ich schöpfe. Wenn ich Malerin bin, dann kaufe ich mir eine Palette mit Farben, aus der ich dann etwas entstehen lasse. Natürlich brauche ich das Handwerkszeug auch als Tänzer. Ich muss mich fit halten. Ich muss gewisse Dinge wissen und kennen, damit ich sie abrufen kann, wenn ein Choreograf es verlangt. Aber es sind eben nicht nur diese Fähigkeiten: Es bleibt – wie gesagt – kalt, wenn der Tanz nicht mit Leben gefüllt wird oder mit einer gewissen Expressivität.

KP: Ich habe das gefragt, weil ich diesen Sommer im Hamburger Stadtpark Menschen Salsa tanzen sehen habe. Da waren einige dabei, die den Tanz kaum beherrschten, aber offensichtlich ihren Spaß hatten. Selbst ich, der die Paare nur beobachtete, hatte Freude daran.

Zimmermann: Das ist das Spontane. Das Leben im Hier und Jetzt. Der Tanz lebt ja auch vom Moment. Wenn ich ein Bild schaffe oder ein Buch schreibe, kann ich das immer wieder weglegen und hervorholen. Insofern war gerade der Lockdown sehr schlimm für uns. Der Tanz lebt ja von dem Miteinander. Selbst wenn ich ein Solo kreiere, lebt es von der Interaktion mit dem Publikum.

KP: Sie durften nicht einmal trainieren.

Zimmermann: Richtig. Der erste Lockdown, der dann drei Monate dauerte, hatte uns kalt erwischt: Ich hatte im März 2020 eine zweitägige Show mit allen Schülern geplant; das letzte Kostüm war gerade ausgegeben worden und dann – eine Woche vor der geplanten Vorstellung – kam der Lockdown. Im zweiten Lockdown war meine Schule dann neun Monate zu – also von November 2020 bis Ende Juli 2021. Den Juli habe ich noch mit reingenommen, weil da Ferien waren und ohnehin keine Kinder gekommen wären. Viele Tanzschulen haben sich dann mit Zoom beholfen und digitale Angebote gemacht. Das hat bei uns leider gar nicht funktioniert. Ich habe mich dann ins Tanzstudio gestellt und selber Videos aufgenommen, die ich den Kindern dann über Youtube zugänglich gemacht habe. Damit sie zu Hause ein bisschen trainieren können. Umgekehrt habe ich sie aufgefordert, mir kleine Filmchen zu schicken, aus denen ich dann einen digitalen Adventskalender gebastelt habe.

KP: Sie haben in der Zeit auch einen professionellen Clip produziert. Wie kam es dazu?

Zimmermann: Den Film habe ich nicht selbst produziert. Ich komme ja nicht vom Film und habe wenig Ahnung von diesem Genre. Da half der Zufall mit. Vor ein paar Monaten ist eine Kamerafrau in unser Dorf gezogen, die jahrelang in London gearbeitet hat. Mit der habe ich mich angefreundet. Dadurch entstand die Idee: Mensch, dann lass uns doch was gemeinsam machen. Sie hat dann die Kamera und den Schnitt gemacht. Großes Glück ist, dass sie selbst tanzt. Sie hat zwar keine Ausbildung, hat aber als junge Frau an Deutschen Meisterschaften teilgenommen. Sie hat also Ahnung vom Tanzen, was natürlich Gold wert ist.

KP: Die Dreharbeiten fanden noch während des Lockdowns stand…

Zimmermann: Wir haben auf verlassenen Spielplätzen gefilmt. Wir wollten die Verlassenheit, die Trostlosigkeit, mit nur einer Person an einem Ort einfangen. So wie es auch angedacht war laut Reglement der Corona-Zeit. Wir haben uns mit jeder Tänzerin einzeln an Orten getroffen, die sie sich vorher ausgesucht hatten. Außerdem hatten sich alle ein Spielgerät ausgewählt, zu dem sie einen Bezug tänzerisch herstellen sollten.

KP: Wie lange dauerten die Dreharbeiten?

Zimmermann: Wir haben drei Tage benötigt.

KP: Die Tänzerinnen wirken in dem Video geradezu isoliert.

Zimmermann: Das war ja auch der Fall. Natürlich fährt da mal ein Radfahrer vorbei. Oder es spielt ein Vater mit seinem Kind. Unsere Idee war es, in dieser Isolation ein Band zu erzeugen, was weitergegeben wird. Es ging nicht um die totale Verzweiflung. Es war ja nicht so, dass die Jugendlichen am Erdboden zerstört waren. Es gab auch welche, die gesagt haben: Ich will gar nicht mehr zur Schule. Dieser ganze Stress auf dem Schulhof und das Gerangel – das brauche ich nicht. Ich lerne gut zu Hause. Das gab es ja auch und ich wollte, dass all diese Aspekte angesprochen werden.

KP: Die Darstellerinnen bleiben alle stumm. Sie machen sich nur über Tanzbewegungen, Mimik und Gestik verständlich. Wie viel Wert kann so ein einsam und wortlos getanzter Tanz haben?

Zimmermann: Ein einsam getanzter Tanz für sich kann mir helfen, psychologisch meine Stimmung zu verarbeiten. In dem Moment, wo er sichtbar wird, wo er ein Publikum erreicht, bekomme ich eine Wertung, eine Interpretation. Es passiert ja etwas zwischen den Tanzenden und den Schauenden. Dadurch dass es nicht live ist, spürt es das Publikum natürlich nicht. In unserem Fall sieht es nur die Kamera.

KP: Frau Zimmermann, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg ist Premiumpartner der Stiftung Herzogtum Lauenburg.

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„Lost playgrounds“

Verwaiste Spielplätze. Stumme Schulhöfe. Verlassene Hallen und Fußballfelder. Keine Kinderkabbeleien. Kein Necken und kein Foppen. Keine Nachbarn, die sich über die Musik und das Rumgebölke junger Menschen beschweren. Kein Laut, kein Lärm nirgendwo. Die Jugend aus dem Straßenbild verschwunden.

So ist, so war Lockdown.

Und doch waren sie da – als Schatten ihrer selbst. Gefangen in heimischen vier Wänden. Wo sonst hätten sie auch hinsollen? Irgendwie setzten sie ihr von der Gefahrenlage zusammengestrichenes Leben fort. Den Umständen entsprechend, wie es so schön heißt.

Wie fühlt sich so ein verordneter Stillstand für junge Tänzerinnen an? Der von der Büchener Tanzlehrerin Nicola Zimmermann produzierte Kurzfilm „Lost playgrounds“ erzählt davon.

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Im Rausch von Tanz & Stille

Kunst und Kirche, Tanz und Spiritualität, Bewegung und Stille – zwischen diesen Polen gestaltete sich das Gastspiel des Bundesjugendballetts John Neumeier in der Ratzeburger Petrikirche. Anlass der Performance war das Festival „Grün ist die Hoffnung – Kultur auf dem Gottesacker“.

Gleich zwei Mal trat das Ensemble vor das Publikum, um das Thema Vergänglichkeit vor Augen zu führen. Getanzt wurde zu Intendant Neumeiers „No man is an Island“, zu Raymond Hilberts „Von 55 Engeln behütet“ sowie zu Thomas Krähenbühls „Les enfants des étoiles“. Die geistlichen Impulse hatte der Hamburger Pastor Dr. Jens-Martin Kruse geliefert. Das Ratzeburger Publikum war begeistert.

„Es war ein grandioser Abend“, befand auch Bernd K. Jacob, Friedhofsbeauftragter des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg. Jacob hatte das Kulturfestival „Grün ist die Hoffnung“ auf die Beine gestellt. „Ich bin sehr dankbar, dass unser Festival vom Licht dieser Spitzenkompanie etwas abhaben durfte. Die Petrikirche hat einen Abend wie lange nicht erlebt.“

Der Ballettabend war eine von zwei hochkarätigen Veranstaltungen im Rahmen des Kulturfestivals, die durch den Bund finanziell gefördert wurden. Über das Soforthilfeprogramm „Kirchturmdenken“ flossen Mittel aus dem Bundesprogramm „Kultur im ländlichen Raum“ in die Ausstellung „SkullTales“ (Dassendorf) und in die Aufführungen des Bundesjugendballetts John Neumeier.

„Nach langer kultureller Abstinenz ist es eine große Freude, in unserer ländlichen Propstei Herzogtum Lauenburg Veranstaltungen mit Ausstrahlung durchzuführen und Menschen einzuladen in einen Dialog über Gott und die Welt einzutreten“, zog auch Pröpstin Frauke Eiben ein positives Fazit.

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Foto: Dirk Eisermann/Text: kp/Ines Langhorst