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Musikalische Weltreise mit „Singen am See“

Zu einer abwechslungsreichen und außergewöhnlichen Reise durch die Welt der Musik lädt der KulturSommer am Kanal (KuSo) in der kommenden Woche ein. Im Rahmen des Festivals treffen Jung und Alt, Tradition und Moderne aufeinander. Paradebeispiel dafür ist die zehnte Ausgabe von „Beat `n` Dance“. Unter dem Motto „It´s Me or Fantasy“ haben sich die jungen Sänger Klassiker von David Bowie und Co. vorgenommen, um auf der Bühne ein Spiel mit Identitäten zu initiieren.

Die Show steht am Sonntagabend (19 Uhr) im Schwarzenbeker Rathaus auf dem Programm. 60 Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Kreis haben mit KulturSommer-Intendant Frank Düwel Monate lang an der Performance der Songs gefeilt und auf den Auftritt hingearbeitet. Die Sänger, Musiker und Tänzer legen Emotionen, Erwartungen und Sehnsüchte offen. Dazu schaffen die Technik- und Medienfreaks eine Welt aus Licht, Sound und Video.

Eine Vielzahl an Sängern versammelt am Sonntagnachmittag (15 Uhr) das „Singen am See“ in Behlendorf. Zwischen Waldessaum und Strand erheben der Gospelchor Nusse, der Kirchenchor Breitenfelde, La Musica Büchen, die Petri-Sterne Ratzeburg, die „Little Voices“ Nusse und der VHS-Chor SingSangSong aus Schwarzenbek ihre Stimmen. Die Zuhörer dürfen sich von einer Woge aus Rhythmus und Schwung tragen lassen – und auch gerne selbst aus voller Kehle mitsingen.

Ein ganz spezielles Klangerlebnis verspricht am Samstag das Zusammentreffen von Anja Caroline Franksens Installation „Liquide Botschaften“ mit Orgel- und Gesangsimprovisationen in der Berkenthiner Kirche. Weiterer Höhepunkt ist der Auftritt von „Chapeau Manouche“ im Künstlerhaus Lauenburg. Das Quartett will mit seinem Sinti-Swing dem musikalischen Leben an der Elbe neue Leidenschaft einhauchen.

Saiten, Stimmen und Trompeten geben am Sonntag den Ton an: Gitarren bringen Klassik, Folklore und Pop in die Lauenburger Tabakfabrik. In Siebeneichen erfüllt ein renommierter Chor das Gotteshaus mit Musik der Renaissance und des Barock. Brasspower erobert Breitenfelde: Posaunen, Pauke und Trompeten zeigen, dass Beethoven, Pop und Oper kein Widerspruch sind. Ein harmonisches Bündnis gehen Abendlied und Orgelklang im Ratzeburger Dom (2.7.) ein, beim Folk in Fitzen liebäugelt das Piano am Teich mit dem Folk (4.7.) und in Ritzerau (5.7.) beweist die klassische Gitarre Rockqualitäten.

Die Vielfalt der Region mit völlig anderen Mitteln zeigen einmal mehr die Künstler mit ihren offenen Ateliers und Ausstellungen. „Hauptstadt“ der Kunst ist am Sonntag das 240-Seelen-Dörfchen Buchholz am Ratzeburger See mit sieben offenen Ateliers. Das Schwarzenbeker Amtsrichterhaus richtet seine Schau am KulturSommer-Motto „Das Wasser – das Salz – die Seele“ aus.

Kindertheater mit Leib und Seele spielt am Samstag die Freie Bühne Wendland bei „Käpt’n Lüttich und Baby Dronte“ im Ritzerauer Heubodentheater. Am Abend stehen noch einmal „Die Eisprinzessin“ und „Geschichte einer Tigerin“ für Erwachsene auf dem Programm.

Alle Veranstaltungstermine und Details zum Gesamtprogramm auch im Reisebegleiter und online unter www.kultursommer-am-kanal.de zu finden.

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Lauenburg bin ich

Lauenburg. Da denkt der gemeine Tourist an die Altstadt und einen Cafébesuch am Elbufer. Aber Lauenburg ist natürlich viel mehr als das. Mit rund 11.500 Einwohnern besteht es nicht nur aus ein paar malerischen Straßenzügen, die es gelegentlich in die Nachrichten schaffen, weil ihnen das Hochwasser auf die Pelle gerückt ist.

Die Stadt hat mehr. Was dieses Mehr ist, will das Künstlerhaus Lauenburg mit seinem Wettbewerb „Lauenburg bin ich“ zeigen (lassen) und damit bewusster machen. „Wie wünscht du dir deine Stadt von morgen?“ fragt das Künstlerhaus. Die Antwort erhofft sich die Einrichtung in Form von Fotografien, Collagen, Zeichnungen, Malereien, Videos und Skulpturen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Mit dem Wettbewerb hat das Künstlerhaus Lauenburg gleich zweierlei im Sinn: Zum einen soll er der Kunst in der Stadt einen breiten Rückenwind verschaffen, zum anderen geht es darum, Vorschläge zu diskutieren und so den Dialog um die Zukunft Lauenburgs voranzubringen.

Teilnehmen können Jung und Alt, Bürger und Nicht-Bürger. Bewerbungen sind sowohl individuell als auch in Gruppen möglich. Als 1. Preis winkt eine Plakatierung des Kunstwerkes in der Öffentlichkeit. Der 2. Preis ist ein exklusiver Workshop mit dem Offenen Atelier des Künstlerhauses. Der 3. Preis beinhaltet die einjährige Mitgliedschaft im Künstlerhaus Lauenburg.

Wettbewerbsbeiträge können Sie per Mail an info@kuenstlerhaus-lauenburg.de oder per Post an das Künstlerhaus Lauenburg, Elbstraße 54, in 21481 Lauenburg/Elbe richten. Einsendeschluss ist der 15. Juni.

Der Wettbewerb ist eine von insgesamt drei Aktionen des Künstlerhaues zu der Frage, wie Lauenburg künftig aussehen soll. Darüber startet die Einrichtung im Frühjahr eine Plakatkampagne und plant darüber hinaus für 2020 ein „Stadtlabor“. Auch sind die Menschen aufgefordert, sich mit eigenen Ideen einzubringen.

Foto: Christiane Opitz

Mehr zum Thema „Lauenburg – die Elbstadt von morgen“ :

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/04/08/plaktaktkampagne-kuenstlerhaus-lauenburg/
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Ein Stadtlabor zum Mitmachen

Es tut sich was in Lauenburg. Eine Erkenntnis, die selbstredend heute, morgen und immer auf die Stadt an der Elbe zutrifft. Schließlich steigen hier Tag für Tag Tausende Menschen aus den Betten, um ihr Leben zu leben. Aber die Erkenntnis zielt direkt auf die Substanz: In der Oberstadt wird gebaut. Es hat Abrisse in der Berliner Straße gegeben. Eine Marktgalerie soll entstehen.

Für Christiane Opitz, künstlerische Leiterin des Künstlerhauses Lauenburg, sind die sich abzeichnenden Veränderungen Anlass, mit den Bewohnern in den Dialog zu treten und über das Lauenburg von morgen nachzudenken. Dafür bringt die Einrichtung die Idee vom „Stadtlabor“ ins Spiel. Es soll in der Oberstadt entstehen und als Veranstaltungsort für Foto-, Video- und Audiopräsentationen sowie für Interventionen, Performances, Lesungen und Konzerte dienen.

Wo dieses „Stadtlabor“ entstehen kann, ist offen. „Gerne nehmen wir Vorschläge entgegen“, sagt Opitz. Klar ist, dass es in der Oberstadt eingerichtet werden soll. Das Künstlerhaus Lauenburg, festverankert in der Unterstadt, wünscht sich für sich selbst, aber auch für die gesamte Stadt Brückenschläge zwischen Ober- und Unterstadt.

Man wolle nicht, dass es heiße – „die da oben, die da unten“. Unten – in der Elbstraße – liegen die Kulturstätten der Stadt. Das alte Kaufmannshaus, das Alte Schifferhaus, das Elbschifffahrtsmuseum, die Maria Magdalenen-Kirche. Hier finden Veranstaltungen statt, hier flanieren im Frühling und Sommer Besucher entlang. Es ist eine Gegend, in der Menschen vornehmlich ihre Freizeit genießen. Ganz anders sieht es aus, wenn man das Elbufer hinaufmarschiert. Dort befinden sich Supermärkte, die Apotheke und der Bäcker. „Oben ist das wahre Leben. Da sind die Leute“, fasst Opitz den Unterschied zusammen. 

Aber wie kommt es überhaupt, dass sich das Künstlerhaus so sehr für den städtischen Zusammenhalt und das städtische Zusammenleben einsetzt? „Wir fassen den Kulturbegriff etwas weiter“, sagt Opitz. Allerdings möchte sie die Arbeit ihres Hauses nicht als Einmischung in die Politik verstanden wissen. „Wir arbeiten nicht gegen, sondern für und mit der Stadt. Wir wollen unseren Beitrag als Künstlerhaus leisten und zum Dialog einladen.“

Mit dem geplanten Stadtlabor, dem Wettbewerb „Lauenburg bin ich“ und einer in diesem Frühjahr startenden Plakatkampagne, wolle man die Menschen zum Nachdenken bringen. Was heißt es, wenn ich sage: „Mein Lauenburg“. Gibt es überhaupt so etwas wie eine Ortsidentität? Und falls ja, welche Bevölkerungsgruppen können mit ihr etwas anfangen?

Kontakt: Künstlerhaus Lauenburg, Elbstraße 54, 21481 Lauenburg, erreichbar unter Tel. 04153-5926 oder per Mail unter info@kuenstlerhaus-lauenburg.de. Weitere Infos gibt es unter www.kuenstlerhaus-lauenburg.de.

Foto: Leah Brocks

Mehr zum Thema „Lauenburg – die Elbstadt von morgen“:

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/04/08/plaktaktkampagne-kuenstlerhaus-lauenburg/
https://kulturportal-herzogtum.de/2019/04/08/lauenburg-bist-du/
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„Wir stehen vor einer elementaren Zeitenwende“

Keine zwei Wochen sind es noch, dann steigt im Möllner Stadthauptmannshof der Kulturtalk über Künstliche Intelligenz (KI) und die offene Gesellschaft. Bevor am Donnerstag, 28. März, mit Dirk Kuchel, Chefredakteur von Computerbild, dem Medienwissenschaftler Roberto Simanowski und dem Bundestagsabgeordneten Konstantin von Notz (Grüne) drei Experten das Wort haben, hat Kulturportal-Herzogtum.de eine kleine Umfrage gestartet. Welche Rolle wird KI in Zukunft spielen, wollte die Redaktion wissen.

Dazu muss man wissen, dass die Meinungen hier selbst unter Forschern sehr weit auseinandergehen. Der Roboterforscher Luc Steels, der sich bereits seit den 90er Jahren mit KI befasst, hält diese für „fake intelligence“. „Auf Dauer machen den Menschen Kunst und Empathie einzigartig“, so seine Überzeugung. Eine gänzlich andere Auffassung vertritt Jürgen Schmidhuber, Direktor des schweizerischen Forschungsinstituts für KI. Er ist davon überzeugt, dass die Erde künstlichen Intelligenzen eines Tages zu eng erscheinen und sie ins All streben werden, „wo unendlich viel Energie lockt. Wir Menschen sind für die KI so interessant wie Ochsenfrösche für uns.“

Was denken die Menschen aus dem Kreisgebiet?

Meinhard Füllner (Kreispräsident): „Gott hat den Menschen gemacht mit seiner Intelligenz, Dummheit, Vernunft, seinem Bösen und seiner Kreativität. Der Mensch entscheidet nun selbst, ob er mit seinem daraus entstandenen Werk, der Künstlichen Intelligenz, zu einem Ameisenstaat mutiert oder dieses Werk zu einem segensreichen Helfer seines Daseins entwickelt.“

Susanne Raben-Johns (Sterley): „Nicht alles, was dem Menschen möglich ist, dient auch den Menschen. Auseinandersetzungen mit diesem Thema wie die der Ethik-Konferenz sind richtungsweisend. Es stellt sich ja die Frage, wie wollen Menschen in Zukunft leben.

Renate Lefeldt (Geesthachter Kulturvisionen): KI in schwacher Form gibt es ja schon lange. Sie wird ständig weiterentwickelt und immer intelligenter. Sie erleichtert uns in vielen Bereichen das Leben. In nicht allzu ferner Zukunft wird es aber vermutlich eine Künstliche Super-Intelligenz geben, die dann besser sein wird als das menschliche Gehirn. Wie auch nach der Erfindung der Atombombe wird auch hier gelten: „Was gemacht werden kann, wird auch gemacht.“ Das ist nicht aufzuhalten. Bleibt zu wünschen, dass Gesetzgeber dafür sorgen werden, dass Menschen mit emotionalen und sozialen Gefühlen das letzte Wort haben. 

Norbert Lütjens (Leiter Jugendzentrum Korona/Masterstudent gesellschaftlicher Wandel und Digitalisierung): Nach meiner Auffassung befinden wir uns in einer elementaren Zeitenwende, deren weitere Entwicklung für uns nicht absehbar ist. Wir ahnen vielleicht instinktiv, dass etwas Großes im Gange ist und wissen, dass sich die Gesellschaft fundamental verändern wird. Das wirkliche Ausmaß ist uns aber nicht bewusst. Ich glaube, es kommt darauf an, sich Zeit zu nehmen und zunächst die ethische Diskussion darüber zu führen, wie wir die „Digitale Zukunft“ gestalten wollen und wie nicht. Die Demokratie wird um eine verantwortungsvolle Kontrolle der digitalen Kommunikation nicht herumkommen, sonst werden dies andere tun, deren Motivation gewiss nicht den freiheitlichen Grundwerten unserer jetzigen Gesellschaft entspricht. Dies gilt ebenso für die Entwicklung von Superintelligenzen. Der Mensch neigt dazu, die Dinge möglich zu machen, die möglich zu machen sind. Es ist nicht die Frage, ob eine künstliche Superintelligenz entwickelt wird, sondern höchstens, wann sie entwickelt wird. Setzt man sich mit der Literatur auseinander, dann kommen die Fachleute zu dem Schluss, dass eine KSI um ein vielfaches intelligenter wäre als ein Mensch. Wenn man sich dann vorstellt, wir würden versuchen einem Affen zu erklären wie ein Faxgerät funktioniert, beschreibt dies nicht annähernd das Verhältnis von KSI zu Mensch. Wir würden nicht einmal im Ansatz verstehen, was die KSI treiben würde.

Ulrich Lappenküper (Geschäftsführer Otto-von-Bismarck-Stiftung): „Wenn die KI bei 99 Prozent der modernen Jobs menschliche Fähigkeiten und Eigenschaften entbehrlich machen wird, was fangen wir mit den ‚überflüssigen‘ Menschen an?“

Weitere Links zum Thema KI:

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/03/11/daten-bilder-diskussionen/

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/03/18/spiel-zwischen-fiktion-und-wirklichkeit-2/

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„Heimat ist etwas sehr Intimes“

Nach „Museum auf Reisen“ und „Das starke Stück“ hat die gebürtige Hamburgerin Marianne Lentz mit „Fliehen – einst geflohen“ das nächste große Veranstaltungsprojekt initiiert. Dabei spielen die Museen der Region einmal mehr eine bedeutende Rolle. Kein Wunder – die studierte Ethnologin und ausgebildete Lehrerin ist mit Leib und Seele als Museumpädagogin aktiv. „Fliehen – einst geflohen“ ist allerdings weit mehr als ein Museumsprojekt, das von den Kreisen Herzogtum Lauenburg und Stormarn sowie von der Stiftung Herzogtum Lauenburg maßgeblich unterstützt wird. Zum Programm gehören außerdem Ausstellungen, Konzerte, Vorträge sowie Theater- und Filmvorführungen. Kulturportal-Herzogtum.de sprach mit der Initiatorin über Fremdheit, Identität und das Programm von „Fliehen – einst geflohen“.

Kulturportal-Herzogtum.de: Frau Lentz, was fasziniert Sie an dem Thema Flucht und Vertreibung, dass Sie ihm einen regelrechten Ausstellungs- und Veranstaltungszyklus widmen? Sind Sie persönlich betroffen?

Marianne Lentz: Nein. Mein Anliegen ist es, zu Fremden Brücken zu schlagen.

KP: Dann ist ihr Impuls also eher die Begegnung nach der Flucht als die Flucht selbst. Woher rührt Ihr Interesse für das Fremde?

Lentz: Ich bin Ethnologin und weiß, dass das Fremde zwei Qualitäten hat. Auf Reisen oder im Museum finden wir es faszinierend. Aber sobald es uns nahekommt, löst es Ablehnung und Angst aus. – Ich will für das allgegenwärtig Fremde, das beispielsweise in einer Stadt wie Hamburg ist, Zugänge schaffen.

KP: Das klingt leichter gesagt als getan.

Lentz: Im Altonaer Museum läuft dazu gerade das Projekt „Herkunft, Heimat, Identität“. Dafür muss jeder, der zu uns kommt, einen Gegenstand mitbringen, der für ihn Heimat bedeutet.

KP: Und funktioniert das?

Lentz: Auf jeden Fall. Wenn so eine Gruppe ins Museum kommt, erreiche ich die auch. Es ist unglaublich, welch eine konzentrierte Atmosphäre entsteht, wenn die Besucher über ihre Gegenstände sprechen, und sie sich damit ja auch vor den anderen Teilnehmern innerlich öffnen. Heimat ist ja etwas sehr Intimes.

KP: Ich weiß nicht, ob mir das gefallen würde. Schließlich macht so etwas angreifbar.

Lentz: Die Teilnehmer lassen das immer erstmal so stehen. Man kann ja durch den Blick auf den Anderen das Eigene vergleichend modifizieren – oder im anderen Fall – sich in seiner Situation bestärkt fühlen. In jedem Fall kommt etwas in Bewegung.

KP: Sind denn die Unterschiede zwischen unserer und anderen Kulturen so groß?

Lentz: Ja, in unserer westlichen Kultur gibt es eine große Vielfalt an Existenzen, sehr individuell geprägt. Beim Islam dagegen steht traditionell das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe im Mittelpunkt. Daraus bezieht man seine Identität. Bei uns macht es das Individuum durch die eigene Leistung.

KP: Bedeutet die Vielfalt an Existenzen im Umkehrschluss, dass wir einander nicht mehr verstehen?

Lentz: Wenn man miteinander redet, versteht man schon, was der andere meint. Wenn ich beispielsweise mit jemandem telefoniere, der keine Lust hat mit mir zu sprechen, spüre ich das. Auch unsere Körpersprache verstehen wir, während die anderer Kulturen bei uns Irritationen auslösen.

KP: Das Potential, sich fremd unter Landsleuten zu fühlen, ist aber vorhanden…

Lentz: Klar. Meine Mutter, die von der Mosel stammt, hat mit meiner Tante immer Trittenheimer Platt gesprochen. Ich habe da nie ein Wort verstanden.

KP: Kommen wir auf „Fliehen – einst geflohen“ zu sprechen. Wie ist es zu diesem umfassenden Programm gekommen?

Lentz: Ursprünglich war es als ein reines Museumsprojekt gedacht, bei dem möglichst viele Facetten zu diesem Thema gezeigt werden.

KP: Ist das Thema für die Häuser denn so leicht umzusetzen?

Lentz: Ich musste mich natürlich schon nach den Sammlungen richten. Ich habe in den Museen angefragt:  Wollt ihr mitmachen? Die größte Überraschung erlebte ich im Eisenbahnmuseum Aumühle

KP: Wo man ja eher an alte Dampfloks denkt…

Lentz: …Dort gibt es Eisenbahnwaggons, mit denen Ende des Zweiten Weltkrieges Flüchtlinge hierhergebracht wurden. Das war eine ziemlich dramatische Reise. Der Zug musste unterwegs halten, weil eine Bombe auf den Gleisen lag, die die Eisenbahner unter Einsatz des eigenen Lebens beiseite schafften.

KP: Wenn man Erzählungen lauscht oder sich alte Spielfilme ansieht, wurden diese Leute nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen. Auch damals reagierten viele Menschen mit Ablehnung gegenüber dem Fremden. Hinzu kam, dass Deutschland durch den Krieg zerstört und wirtschaftlich am Boden lagen.

Lentz: Letztendlich haben sich die Flüchtlinge positiv auf Schleswig- Holstein ausgewirkt. Die Deutschen aus dem Osten brachten oft neue Ideen mit, sie fanden in den allenthalben herrschenden Mangelsituationen kreative Lösungen und beförderten mit ihrem Überlebenswillen den Fortschritt.

KP: Frau Lentz, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Weitere Infos, Veranstaltungen und Ausstellungen zum Thema „Fliehen – einst geflohen“:

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/03/04/so-weit-weg-von-zuhause/

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/02/25/vom-rentierjaeger-bis-zur-weltberuehmten-anne-franck/

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/02/25/der-weg-ins-ungewisse/

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/03/04/1939-damals-war-es-die-st-louis/

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„Der KuSo hat nochmal richtig Fahrt aufgenommen“

KulturSommer am Kanal-Intendant Frank Düwel …

über die Programmgestaltung für den KulturSommer am Kanal:

Es macht mir wirklich große Freude, wie viele Menschen sich da einbringen. Ob Einzelne, Gruppen oder Institutionen – immer wieder kommen Menschen mit Ideen für Kunstprojekte auf mich zu. In diesem Jahr hat das noch mal richtig Fahrt aufgenommen.

über die zweite Kanu-Wander-Theater-Aufführung:

Endlich! Es wurde höchste Zeit, dass wir mehr Menschen dieses formidable Format zeigen können und dass die Menschen, die daran beteiligt sind, ein weiteres Mal eine Bühne bekommen.

über die Menschen in der Region:

Ich erlebe die Menschen sehr aufgeschlossen für Musik, Theater und bildende Kunst. Die Neugier, die sich da zeigt, ist ganz zentral, um so ein Festival auch umsetzen zu können. Ohne diese Impulse und die tatkräftige Unterstützung würde das Ganze nicht funktionieren.

über die Kanallandschaft:

Wir rücken den Elbe-Lübeck-Kanal als Kulturdenkmal in den Blickpunkt. Dafür wenden wir uns dem Salztransport zu. Der Transport von Salz ist für die Menschen früher so zentral gewesen wie heute für uns das Internet. Es war ein weltumspannendes Phänomen. Im Rahmen der Eröffnungsfeier an der Berkenthiner Schleuse wollen wir den Salztransport mit Kamelen – den Wüstenschiffen – nachstellen.

über den Stand der Planungen:

Die großen Veranstaltungen können wir schon beschreiben – was wann und wo stattfindet. Für „Beat’n’Dance“ und „In den Gärten“ haben bereits die Proben begonnen. Nun folgt die Planung der weiteren Veranstaltungen. Insgesamt werden es wieder mehr als 80 sein.

über seine Arbeit:

Das Schönste daran ist für mich die Begegnung mit den Menschen.

über seinen Mitarbeiterstab:

Wir sind ein kleines Team, das an einem Strang zieht. Die Assistenz hat Daniela Kiesewetter übernommen. Im vergangenen Jahr hat sie diese Arbeit für die Oper auf dem Lande gemacht. Außerdem habe ich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an Helge Berlinke von der Stiftung Herzogtum Lauenburg übertragen. Das eröffnet mir mehr Freiräume und verschafft uns darüber hinaus mehr Möglichkeiten für die mediale Berichterstattung.

Mehr Infos zum KuSo 2019:

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/02/11/das-wasser-das-salz-die-seele/

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/02/11/premiere-erstmals-auf-dem-land/

 

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Wüstenschiff in Sicht!

Intendant Frank Düwel hat das Geheimnis gelüftet: Der KulturSommer am Kanal (KuSo) feiert Premiere. Erstmals startet das Festival auf dem Land. Dafür rückt der KuSo direkt an die Wasserstraße heran. Zwischen Berkenthiner Schleuse und Maria Magdalenen-Kirche lädt Düwel zum Salz-Fest.

Das Publikum darf sich auf einen bunten Nachmittag freuen, der das Motto des KulturSommers „Das Wasser – das Salz – die Seele“ mit Leben füllt. Düwel serviert den Gästen am 15. Juni ein Klangtheater mit Musik, Tanz und bildender Kunst als Hauptzutaten. Es soll ein Fest für die Sinne werden, das durch die Kulisse – den Platz an der Schleuse – seine spezielle Würze erhält. Als Chiffre für den Eröffnungsgang und alle weiteren Gänge hat der Storm-Preisträger die Begriffe „Lauschen – sehen – fühlen“ gesetzt. Bilder, Töne und Gerüche sollen die Sinne in Schwung versetzen und den Geist zum Reflektieren bewegen.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn im Frühsommer an der Wasserstraße getanzt und musiziert wird. Man muss dafür nur kurz die Augen schließen. Da lacht die Sonne, die Bäume sind grün, es riecht nach Schilf und Wildpflanzen.

Wo aber ist das Salz in dieser Fantasie? Der Titel „Salz-Fest“ allein weckt da noch keine Geister. Auch die Tatsache, dass der Elbe-Lübeck-Kanal Teil der alten Salzstraße ist, weckt beim Menschen des 21. Jahrhunderts keine Erinnerungen. Die Berufsschiffer, die Richtung Lübeck oder Richtung Elbe unterwegs sind, haben vieles – aber ganz bestimmt kein Salz – geladen.

Der Regisseur hat sich deshalb etwas einfallen lassen. Frei nach John Irving lässt er die Kamele los. Die Wüstentiere übernehmen die Rolle der Lastkähne und bringen das Salz herbei. Mit anderen Worten: Es wird spektakulär. Die Kulturfreunde sollten sich den Termin unbedingt im Kalender notieren – Salz-Fest in Berkenthin, 15. Juni – Willkommen bei der Eröffnung des KulturSommers am Kanal 2019!

Foto: TouristService Stecknitz-Regio

Mehr zum KuSo-Programm 2019 unter

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/02/11/der-kuso-hat-nochmal-richtig-fahrt-aufgenommen/

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/02/11/das-wasser-das-salz-die-seele/

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Wortmächtig und tatkräftig durch die Zeit

Nach dem Veranstaltungsjahr ist vor dem Veranstaltungsjahr – das gilt auch für die Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh. Im ersten Halbjahr 2019 warten Geschäftsführer Dr. Ulrich Lappenküper und sein Team mit diversen Events, Vorträgen und Filmvorführungen auf. Der Veranstaltungsreigen startet am Freitag, 4. Januar, um 19 Uhr mit dem Neujahrsempfang. Auf dem Programm steht ein Vortrag von Stiftungsmitarbeiter Dr. Maik Ohnezeit mit dem Titel „Politik mit Hinz und Kunz oder: Monarchen-Diplomatie bis zum Ende des Ersten Weltkriegs“.

Am 17. Januar steht dann ein weiterer Vortrag auf dem Programm: Prof. Dr. Helmut Loos von der Universität Leipzig spricht ab 19.30 Uhr über „Felix Mendelssohn Bartholdy als Chronist seiner Zeit“.

Weitere Veranstaltungen folgen. Am 14. März um 19.30 Uhr berichtet Prof. Dr. Heike Bungert von der Universität Münster über „Die Festkultur der Deutschamerikaner in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts-Konstruktion einer deutsch-amerikanischen Ethnizität“.

Mit einem ganz anderen Thema befasst sich der Film „Im Westen nichts Neues“, den die Stiftung am 20. März in der Reihe „Bahnhofskino Literatur spezial“ zeigt. Die preisgekrönte US-Verfilmung des berühmten Antikriegsromans von Erich Maria Remarque zeigt das Grauen des Ersten Weltkrieges. Die Vorführung beginnt um 19 Uhr.

Die Protagonisten dieser Geschichte sind der Abiturient Paul Bäumer und seine Klassenkameraden, die sich im Sommer 1914 aus patriotischen Motiven heraus freiwillig zum Einsatz an der Front melden. Die nach der militärischen Grundausbildung in den Köpfen der jungen Kriegsfreiwilligen noch vorhandenen romantischen Vorstellungen vom Krieg werden rasch von der Wirklichkeit in den Schützengräben an der Westfront eingeholt.

Den politischen Folgen des Ersten Weltkrieges widmet sich Prof. Dr. Jörn Leonhards Buch „Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918-1923“. Der Autor stellt sein Werk am 28. März um 19.30 Uhr vor.

Den Sprung in die Gegenwart unternimmt am 11. April Prof. Dr. Martin Sabrow (ZZF Potsdam). Er spricht ab 19 Uhr über den „Globalen Wettbewerb der Narrative. Geschichtspolitik im Zeichen von Fake News“. Veranstaltungsort ist das Warburg-Haus, Heilwigstraße 116, in Hamburg.

„Das Ende des Ersten Weltkriegs in den deutschen Kolonien“ ist das Thema eines Vortrags, den Dr. Michael Pesek von der Humboldt-Universität Berlin am 16. Mai in Friedrichsruh hält. Die Rückkehr in die Zeit des Ersten Weltkrieges beginnt um 19.30 Uhr.

Den Internationaler Museumstag am 19. Mai nimmt die Stiftung zum Anlass, um sich der breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Zwischen 10 und 18 Uhr stehen diverse Führungen – unter anderem Dauerausstellung „Otto von Bismarck und seine Zeit“ – auf dem Programm.

Wieder zurück in die Zeit rund um den Ersten Weltkrieges geht es am 22. Mai im Bahnhofskino. Zum 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts zeigt die Stiftung ab 19 Uhr den Film „Suffragette – Taten statt Worte“, der die Geschichte der jungen Wäscherin Maud Watts und ihrer Mitstreiterinnen erzählt. Watts schließt sich im Jahr 1912 der britischen Frauenbewegung „Suffragettes“ an, die mit Anschlägen versucht das Wahlrecht für Frauen durchzusetzen.

 Ins 19. Jahrhundert entführt dann Prof. Dr. Jan Rüger von der Universität London sein Publikum. In seinem Vortrag widmet er sich der Insel Helgoland. Rüger ist am 13. Juni um 19.30 Uhr in Friedrichsruh zu Gast.

 In die Zeit des Barock entführt der Film „Der König tanzt“, der am 19. Juni im Bahnhofskino zu sehen ist. Der Kostüm- und Musikfilm dreht sich um den Lebensweg des aus Florenz stammenden Komponisten, Musikers und Tänzers Jean-Baptiste Lully. Die Vorführung beginnt um 19 Uhr.

Zum Abschluss des Halbjahresprogramms lädt die Otto-von-Bismarck-Stiftung am 23. Juni ab 14 Uhr zum Sommerfest ein. Jung und Alt dürfen sich auf Musik und Unterhaltung freuen.

Die Otto-von-Bismarck-Stiftung hat ihren Sitz am Am Bahnhof 2 in Friedrichsruh. Das Museum befindet sich in direkter Nachbarschaft, Am Museum 2. Es hat von Oktober bis März zwischen 10 und 16 Uhr, von April bis September zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet. Montags ist das Museum geschlossen.

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„Obama hat sich bei Obamacare auf Bismarck berufen“

Ulrich Lappenküper ist seit 2009 Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, die in Friedrichsruh ihren Hauptsitz hat. Der gebürtige Westfale ist habilitierter Historiker und ein Experte der Bismarck-Zeit. Kulturportal-Herzogtum.de sprach mit ihm über sein Aufgabenfeld, den großen Kanzler und über die Aufgabe moderner Geschichtsschreibung.

Kulturportal-Herzogtum.de: Herr Lappenküper, wie sind Sie zur Bismarck-Stiftung gekommen? Haben Sie schon immer ein besonderes Interesse an Otto von Bismarck gehabt?

Ulrich Lappenküper: Ich habe über Bismarcks Russlandpolitik der frühen 1870er Jahre promoviert. Der Betreuer der Arbeit, Prof. Dr. Klaus Hildebrand, war Fachmann für internationale Beziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Durch seine Lehre erhielt ich natürlich eine gewisse Prägung. Bismarck wurde dadurch für mich zu einer wichtigen Gestalt – ich sage bewusst nicht Lichtgestalt.

KP: Wie ging es dann für Sie weiter?

Lappenküper: Ich habe habilitiert und in Bonn gelehrt. Als meine Zeit dort auslief – an den Universitäten gibt es dieses merkwürdige Konstrukt der Beamtenschaft auf Zeit – bewarb ich mich 2005 in Friedrichsruh auf die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters.

KP: Hätten Sie nicht an der Uni bleiben können?

Lappenküper: Die Stelle in Friedrichsruh fand ich spannend, und die Otto-von-Bismarck-Stiftung war das einzige Institut, das mir eine Dauerstelle anbot. Außerdem war die Aussicht, mich mit 46 Jahren, Frau und drei Kindern mit Jahresverträgen über Wasser zu halten, nicht so erquicklich.

KP: Mittlerweile sind Sie Geschäftsführer der Stiftung…

Lappenküper: Die Dinge haben sich für mich positiv entwickelt. 2009 ergab sich die Möglichkeit, die Geschäftsführung zu übernehmen. 2012 folgte der Aufstieg in den Vorstand.

KP: Was macht man als Geschäftsführer der Bismarck-Stiftung?

Lappenküper: Als der Bundestag 1997 die Stiftung als eine Stiftung des öffentlichen Rechts gründete, hat er ihr zwei zentrale Aufgaben übertragen: Bismarck und seine Zeit zu erforschen und historisch-politische Bildungsarbeit zu leisten…

KP: Welche Rolle kommt Ihnen dabei zu?

Lappenküper: Der Geschäftsführer legt die Grundsätze, Zielsetzungen und Strategien der Stiftungsarbeit im Bereich von Forschung und historisch-politischer Bildungsarbeit fest. Ihm obliegt außerdem die Planung und Durchführung von Forschungsvorhaben sowie die korrekte Verausgabung der Bundesmittel. Unterstützt werde ich in Friedrichsruh von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter, einem Museumspädagogen, fünf Verwaltungskräften und vier studentischen Mitarbeiten. Eine weitere wissenschaftliche Mitarbeiterin leitet das von der Otto-von-Bismarck-Stiftung betreute Bismarck-Museum in Schönhausen und wird von einer Museumspädagogin unterstützt.

KP: Das klingt nicht unbedingt so, als bliebe Ihnen da noch allzu viel Zeit für die eigene Forschungsarbeit…

Lappenküper: Mit einer 40-Stunden-Woche schaffen Sie das nicht. Bei 60 Stunden sieht es anders aus. Da gelingt es Ihnen schon, auch noch eigene Forschung zu betreiben. Gerade liegt ein Buch über Bismarck und Frankreich beim Verlag. Außerdem organisiere ich Konferenzen, gebe Tagungsbände heraus und schreibe Aufsätze.

KP: An der Universität haben Sie auch unterrichtet. Wie steht es damit?

Lappenküper: Vor dem Hintergrund unserer Arbeit ist es für mich unabdingbar, dass die Stiftung Kontakt zur universitären Welt und Forschung hält. Ich bin deshalb als außerplanmäßiger Professor an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg tätig und lehre dort für zwei Trimester-Wochenstunden.

KP: Herr Lappenküper, kommen wir auf das Forschungsgebiet der Stiftung zu sprechen. Besteht nicht die Gefahr, die Bedeutung Bismarcks zu überhöhen und Dinge zu einseitig zu bewerten?

Lappenküper: Nein, das sehe ich nicht so. Als Stiftung befassen wir uns ja weiß Gott nicht nur mit Bismarck. Und persönlich interessiere ich mich vornehmlich für die Geschichte der internationalen Beziehungen im 19./20. Jahrhundert, nicht zuletzt für das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich. Ich habe auch ein Buch über François Mitterrand geschrieben und mich damit wissenschaftlich bis an die Grenze des 21. Jahrhunderts gewagt.

KP: Ausgangspunkt ist – wie Sie bereits sagten – die Bismarckzeit. Womit wir beim großen Kanzler wären: Wie bewerten Sie diesen Mann?

Lappenküper: Bismarck war ambivalent und vielschichtig in seinem Wesen. Leistungen wie die Einigung Deutschlands, die Gründung des Nationalstaats und die Sozialgesetzgebung werden heute noch zurecht positiv gesehen. Sie galten damals und auch heute noch als vorbildlich. US-Präsident Obama beispielsweise hat sich bei Obamacare auf Bismarck berufen. Auf ihn zurück geht auch die Begründung einer europäischen Friedensordnung.

KP: Sie bezeichnen Bismarck als „ambivalent“ und „vielschichtig“. Was war denn nicht so toll an ihm?

Lappenküper: Der Kampf gegen die „Reichsfeinde“, gegen die Sozialdemokratie, Katholizismus, ethnische Minderheiten. Neben allen Leistungen dürfen wir als Wissenschaftler die Fehlleistungen nicht verschweigen und müssen dabei zugleich stets den Bogen in die heutige Zeit spannen. Es geht uns nie nur um den einen Akteur in seiner Zeit. Es geht auch immer darum, was er uns heute zu sagen hat. Wo sind die Verbindungslinien in die Gegenwart? Wie können wir Lehren für die Zukunft ziehen?

KP: Das ist das Ideal. In der internationalen Politik hat man heute das Gefühl, dass diese Lehren ignoriert werden und sich mehr und mehr autoritäre Herrschaften herausbilden. Ist es da nicht nur eine Frage der Zeit, bis sich das auch in der Geschichtsschreibung widerspiegelt? Ich denke da konkret auch an einen Aufsatz, den ich in Ihrem Begleitbuch zu Ihrer Ausstellung „Geburtstag der deutschen Demokratie?“ gelesen habe“. Der Historiker Frank-Lothar Kroll* stellt da die politische Verfasstheit des Kaiserreichs als extrem positiv heraus.

Lappenküper: Was mein Kollege Kroll geschrieben hat, ist nicht falsch, m. E. aber recht einseitig. Er hat die positiven Seiten der staatlichen Verfasstheit des Kaiserreiches zu stark verabsolutiert und die negativen Seiten weitgehend ausgeblendet. Ein Beispiel: Es gab in Deutschland seit 1871 das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht und damit das modernste Wahlrecht der damaligen Zeit. Aber kann man allein aus dem Wahlrecht den Grad der Demokratie eines Gemeinwesens ableiten? Kroll unterlässt es außerdem, darauf hinzuweisen, dass in Preußen das Dreiklassenwahlrecht** galt.

KP: Wie bewerten Sie das Kaiserreich?

Lappenküper: Zunächst einmal ist festzustellen, dass es in jüngster Zeit die Tendenz in der Geschichtsschreibung gibt, die positiven Seiten des Reiches herauszuheben. Zurecht. Es war nicht der Obrigkeitsstaat, als der er lange galt. Das Kaiserreich war kulturell und wirtschaftlich hochmodern und hätte sehr wohl eine Zukunft haben können, wenn die Eliten in Politik und Militär nicht im Herbst 1918 versagt hätten. Selbst Friedrich Ebert*** beispielsweise konnte sich noch am 31. Oktober 1918 den Erhalt der Monarchie vorstellen.

KP: Herr Lappenküper, ich danke Ihnen für das Gespräch.

*Essay: „Demokratische Teilhabe im preußisch-deutschen Obrigkeitsstaat: Verfassung und Politik im späten Kaiserreich“, Frank-Lothar Kroll. Der Text ist ein Teil des Begleitbuches, das die Otto-von-Bismarck-Stiftung zur Ausstellung „Geburtstag der Demokratie“ herausgegeben hat.

**In Preußen wurden die Wähler in drei verschiedene Steuergruppen eingeteilt. Das Stimmengewicht orientierte sich an der Steuerleistung.

***Friedrich Ebert war seit 1913 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei und amtierte von 1919 bis zu seinem Tod 1925 als Reichspräsident der Weimarer Republik.

Mehr zur Otto-von-Bismarck-Stiftung:

https://kulturportal-herzogtum.de/2018/10/29/warten-auf-die-baugenehmigung/

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Spooß bi Siet – de Börnsen kümmt nach Gülzow!

De Börnsen kümmt nach Gülzow! Du weetst nich, wat dat vör di heten schal? Dat du an‘n Friedag, 23. November, en Termin hest. De Niederdüütsch-Biraat vun de Stiften Herzogtum (Lauenburg) – un dor höört de Börnsen mit to – laadt di in to‘n Talk op Platt in‘n Markttreff na Gülzow. Loos geit dat üm Klock halvig acht (19:30).

Börnsen heet he. Thorsten mit Vörnaam un he hett dat Leit vun dat Plattdüütschzentrum för Holsteen. An’n 23. snackt ünner annern mit den Börgermeester Wolfgang Schmahl. Vun em will he weten, wat besünders un eenmalig an sien Dörp is. Aver dat is nich allen: „De Biraat het sik överleggt, dat Helga Eggers kamen schall“, seggt Börnsen. Fru Eggers het sik an ehr Jugendtiet erinnert und en Book doröver schreven. Dorvun will se de Lüüd vertellen.“

Börnsen maakt kloor, dat dat jümmers noch nich allens is. Manfred Sahm leest en Geschicht un Peter Paulsen maakt Musik. He singt plattdüütsche Lieder. Und Monika Lahann vertellt över de Flüchtlingsarbeit in Gülzow.

„Ich besnack mit de Lüüt vörher, wat interessant sien kann“ seggt Börnsen dorto. Und dat Flüchtlingsthema is wichtig, finndt he. De Talk op Platt is för em op jeden Fall en „klassisches Talkshow-Format“, mit dat he de Lüüd mit rintrecken will. För ju het, du kannst di torüchlehnen in dien Stohl un tohören. Veel Spooß dorbi!